Vom politischen Buch zum Krimi

Heilbronn - Wer in den 70er Jahren in Heilbronn zur linken Szene gehörte und sich politisch engagierte, verkehrte auch regelmäßig in der Kneipe Eulenspiegel. Dort muss es passiert sein, so Marion von Hagen, dort muss die Idee geboren worden sein, einen Verlag zu gründen.

Von Uwe Grosser

Vom politischen Buch zum Krimi
Drei Verlagsgründer: Marion von Hagen (links) und Carmen Tabler bei einer Waldheide-Demo Anfang der 80er Jahre, rechts der junge Ulrich Dieterich.Fotos: privat

Heilbronn - Wer in den 70er Jahren in Heilbronn zur linken Szene gehörte und sich politisch engagierte, verkehrte auch regelmäßig in der Kneipe Eulenspiegel. Dort muss es passiert sein, so Marion von Hagen, dort muss die Idee geboren worden sein, einen Verlag zu gründen. Sie war eine von dreien, für die das Verlagsprojekt nicht nur ein Gedankenspiel blieb. Carmen Tabler und Ulrich Dieterich waren ihre Partner.

Buchhändlerin

"Es war sehr verlockend, ein Sprachrohr zu haben", erinnert sich die heute 63-jährige Marion von Hagen, die damals in Marburg Politik und Soziologie studierte. Dieterich studierte an der TH München Bauwesen, er wollte Diplom-Ingenieur werden. Enorm wichtig in dem Trio war aber Carmen Tabler, die damals schon ihre Buchhandlung in der Titotstraße hatte. "Sie war die Einzige mit Erfahrung in der Buchbranche", so Marion von Hagen. Im Februar 2005 ist Carmen Tabler gestorben, seither wird der Verlag nur noch vom Duo Dieterich/von Hagen geleitet.

An das genau Datum der Verlagsgründung kann sich Marion von Hagen nicht mehr erinnern, "aber es war im Dezember 1980", ist sie sich sicher. Als Autoren holte sie ihre Professoren aus Marburg an Bord, und schon 1981 kam das erste Buch aus dem Distel Verlag auf den Markt: "Die Welt zu Beginn der 80er Jahre" von Reinhard Kühnl. Bis zu vier Bände wurden jährlich herausgegeben, sämtliche Arbeiten erledigte das Trio selbst: "Vom Lektorat bis zu den Druckvorlagen, und anfangs haben wir sogar selbst gedruckt. Ein kommunistischer Drucker hat uns geholfen."

Druckhaus war der Keller im Nachbarhaus des Verlagsgebäudes in der Sonnengasse, wo das Unternehmen heute noch seinen Sitz hat. Verkauft wurden die Bücher damals zu einem großen Teil direkt bei Gewerkschaftskongressen und anderen politischen Veranstaltungen. Der gedruckte Auflage betrug jeweils 2000 bis 4000 Exemplare.

Das herausragende Werk, das auch heute immer noch nachgedruckt und verkauft wird, ist die "Einführung in die Geschichte der Arbeiterbewegung" von Wolfgang Abendroth von 1985, das als Standardwerk gilt. Eigentlich hätte noch ein Band folgen sollen, doch dann starb Abendroth. Das Buch war so gut wie fertig, doch die Witwe wehrte sich gegen eine Veröffentlichung, weil die Schlussredaktion durch ihren Mann noch nicht erfolgt war.

Viel Lob

Im Lauf der Jahre ließ das Interesse an politischer Literatur allmählich nach, und nach dem Mauerfall ging nur noch sehr wenig. "Deshalb haben wir uns etwas umorientiert, sozusagen von der Drapeau Rouge zur Série Noire", also von der roten Fahne zur schwarzen Serie, einer Reihe mit gesellschaftskritischen Krimis aus Frankreich. Den Distel Verlag gibt es zwar nach wie vor, doch seit 1999 hat er einen Bruder: den Distel Literaturverlag. Recht schnell verdiente sich der neuen Verlag auch von der überregionalen Presse viel Lob für sein hervorragendes Verlagsprogramm.

Autoren wie Jean-Bernard Pouy, Chantal Pelletier und vor allem der 1995 verstorbene Jean-Patrick Manchette gehören zur crème de la crème in Frankreich. Aber sie alle waren damals in Deutschland nicht erhältlich. Für die deutsche Gesamtausgabe der Manchette-Werke wurde dem Distel Literaturverlag 2003 eine "Besondere Anerkennung" der Jury für den Deutschen Krimipreis ausgesprochen. Eine Auszeichnung, die zuvor noch keinem Verlag verliehen worden war.

Inzwischen gibt es neben der Série Noire noch eine neue Krimireihe: die Suite Noire. Das sind kurze, harte Krimis, und jeder Titel hat Bezug zu einem alten Titel wie Chantal Pelletiers "Schießen Sie auf den Weinhändler". Acht Bände sind bisher erschienen, und alle acht wurden für das französische Fernsehen verfilmt. Ab Ende März werden sie samstags von Arte ausgestrahlt.

Und noch ein Kind ist aus dem Verlag hervorgegangen: die Distel Litlounge, ein Restaurant, das sich seit Dezember 2005 im Erdgeschoss des Verlagshauses in der Sonnegasse befindet und sich bei Kulturschaffenden großer Beliebtheit erfreut.