Vom Wunderkind zum Fernsehkomponisten

Vor 100 Jahren wurde der Komponist Rio Gebhardt geboren

Von Lothar Heinle

Heilbronn - Bis in die 1970er Jahre konnte man im Radio „gehobene Unterhaltungsmusik“ hören. Komponisten wie Ulrich Sommerlatte, Fried Walter oder Willy Mattes waren geläufige Namen. Zweifellos hätte sich auch Rio Gebhardt in diese illustre Gruppe eingereiht, wäre er nicht im Kriegseinsatz gefallen.

Geboren wird Rio Gebhardt am 1. November 1907 im Wöchnerinnenheim Karmeliterstraße 64 in Heilbronn. Als Wohnadresse muss das Hotel Badischer Hof in der Bahnhofstraße 23 herhalten, denn die Eltern gastieren zur Zeit von Rios Geburt mit einem Gesangsensemble im Saalbau Kilianshallen in der Fleiner Straße.

Vater Julius Gebhardt ist Sänger und cleverer Selfmade-Impresario, der seine „fachmännische Leitung für Unterhaltungskonzerte und erstklassige Varieté-Vorstellungen“ anpreist. Als der vierjährige Rio früh außergewöhnliche Hörbegabung zeigt, studiert der Vater mit ihm eine Dirigiernummer ein. Als Siebenjähriger steht Rio vor dem Berliner Symphonieorchester. Später tritt er auch mit seinem jüngeren Bruder Ferry Gebhardt (1909-1989) auf, der zeitweise bei Pflegeeltern in Neckarsulm aufwächst und später ein Klavierstudium bei Edwin Fischer absolviert.

Gebhardt entwächst dem Wunderkind-Dasein. 1915 belegt er Elementarklassen am Stern’schen Konservatorium Berlin, von 1925 bis 1928 studiert er Komposition bei Kurt Weill. Gebhardt arbeitet als Pianist und Dirigent, wird 1928 Solorepetitor an der Kölner Oper und arrangiert für das eigene „Ri-Ro-Ru“-Trio jazzige Schlagermusik für drei Klaviere.

Mit dem Eintritt in die NSDAP sichert er sich 1933 die weitere Karriere unter den braunen Machthabern. 1934 wird er Dirigent des Unterhaltungsorchesters beim Reichssender Hamburg, im Oktober 1937 wechselt er als fester Kapellmeister zum jungen Fernsehsender Berlin.

Mit hohem finanziellen Aufwand produziert man für ein noch sehr kleines Fernsehpublikum. Rio Gebhardt arrangiert Opernszenen und schreibt 1940 die Titelmusik zu Doris Riehmers Fernsehspiel „Kabinett Fulero“, das tendenziös Charakterschwächen der Engländer bloßstellen will. Dann rettet ihn selbst die Arbeit beim Prestige-Projekt Bildfunk nicht mehr vor dem Kriegsdienst. Letzte Fotos zeigen Gebhardt beim Dirigieren einer Militärkapelle in Russland. Am 24. Juni 1944 fällt er an der Ostfront.