Nicht im Depot verstauben lassen

Heilbronn - 200 Jahre Komponieren in Heilbronn, das bedeutet Mut zur Lücke. Stadtarchiv und Kreissparkasse wagen es, schließlich sollen Notenschätze nicht im Depot verstauben, sondern erklingen.

Von Lothar Heinle

Nicht im Depot verstauben lassen
Notenschätze aus 200-jähriger Heilbronner Musikgeschichte beim Konzert unter der Glaspyramide in der Kreissparkasse.Foto: Dittmar Dirks

Heilbronn - 200 Jahre Komponieren in Heilbronn, das bedeutet Mut zur Lücke. Stadtarchiv und Kreissparkasse wagen es, schließlich sollen Notenschätze nicht im Depot verstauben, sondern erklingen. Dafür sorgen Kenji Kaneko (Klavier), Thomas Pfeiffer (Gesang), Veronika Fuchs (Flöte), Stefan Schubert (Violine), Hans-Georg Fischer (Viola) und Georg Oyen (Violoncello) unter der Glaspyramide.

Man beschränkt sich auf "Komponisten, die gestorben sind", so Archivdirektor Christhard Schrenk. Im Tandem mit Georg Oyen moderiert er einen Konzertabend, der manch Entdeckung zu bieten hat. In Schwung kommt das bürgerliche Musikleben ab 1789 mit dem Musikverleger Johann Amon, der fast 30 Jahre lang Konzerte in Heilbronn leitet. Sein eigenes Quartett D-Dur für Flöte, Violine, Viola und Violoncello ist anspruchsvoll und zeigt, dass der gebürtige Bamberger auch Profis nach Heilbronn einlädt.

Spielfreudige Folklorismen und italienisches Opernkolorit prägen das Werk. Andreas Springer (1811-1877) stammt aus einer Weingärtnerfamilie. Ab 1851 leitet er den Singkranz und ärgert sich 1853 über den lauen Probenbesuch. Sein Lied "Heimweh" nach Ludwig Pfau für Singstimme, Klarinette und Pianoforte beschreibt den Freiheitswillen. Hans-Georg Fischer (Viola) ersetzt die Klarinette, Thomas Pfeiffer zeichnet den Gefangenen in eindringlich-abgeklärter Deklamation.

Besuch von Rossini

1855 bemüht sich Gioachino Rossini nach Heilbronn, um ein Empfehlungsschreiben für den elfjährigen Geiger Hugo Heermann an das Brüsseler Konservatorium abzugeben. Heermann lebt später in Frankfurt und macht international Karriere. In Heilbronn erlebt er noch den Virtuosen Wilhelm Ernst, doch Heermanns eigene "Caprice sur des Motifs des Soirées de Vienne par Franz Schubert" zeigt nichts von Ernsts Eskapaden.

Technisch diszipliniert, aber nicht ohne Glanz, bleibt das von Stefan Schubert und Kenji Kaneko souverän gestaltete Stück. Ein dunkles Kapitel ist das Schicksal des jüdischen Theaterkapellmeisters Philipp Rypinski (1884-1943), der 1933 gewaltsam aus seinem Amt entfernt wird. Um 1910 entstand "Galan Tod" für Violine, Bariton und Klavier, dessen Balladenton mehr an Carl Loewe als an spätromantische Musikdramatik erinnert. Hohle Klavierphrasen lassen nichts Gutes ahnen, Thomas Pfeiffer erweist dem Fundstück sängerische Ehre.

Glanzvoller Schluss des Abends ist der gebürtige Berliner Fritz Werner (1898-1977). Vom Gründer des Heinrich-Schütz-Chores existiert wenig Kammermusik, beachtlich ist sein 1951 entstandenes Quartett für Flöte, Violine, Viola da Gamba und Cembalo. Die Originalbesetzung ist noch in der Fassung mit Cello und Klavier zu spüren, mehr barock als pianistisch klingen manche Läufe.

Musikalien und Dokumente rund um 200 Jahre Komponieren in Heilbronn zeigt das Stadtarchiv ab Montag, 9. März, in der Ausstellung "Von Woltz bis Werner".