Liebeslaie, Handschmeichler und Fußnoten

Feridun Zaimoglu und Ilija Trojanow lesen in der Kunsthalle Würth

Von Leonore Welzin

Liebeslaie, Handschmeichler und Fußnoten
Getrennt lesen, gemeinsam signieren: Das literarische Tandem Ilija Trojanow (links) und Feridun Zaimoglu nach ihrer Lesung in Schwäbisch Hall.Foto: Leonore Welzin

Schwäbisch - Hall Der Bulgare kommt aus Südafrika, der Türke aus Kiel. Getroffen haben sich die beiden deutsch schreibenden Schriftsteller Feridun Zaimoglu und Ilija Trojanow in Tübingen zur Poetik-Dozentur. Der Pflicht aus Vorlesung, Workshop und Gespräch mit Studenten folgt die Kür in Schwäbisch Hall: eine Lesung in der Kunsthalle Würth. Die beiden Schreiber locken mehr Publikum, als der Adolf- Würth-Saal fassen kann.

Die Internationalisierung der deutschen Literatur im Blick, macht die Literaturwissenschaftlerin Dorothee Kimmich den Auftakt. Den beiden Autoren schreibt sie ein emphatisches, ja erotisches Verhältnis zur deutschen Sprache zu. Wie kommen Autoren zu ihren Texten? Weltaneignung durch Sprache sei ein Sammeln, Durchkneten und Umbauen von Realitätspartikeln. Das Biografische spiele dabei eine untergeordnete Rolle.

Behänd springt Zaimoglu aufs Podium und liest die erste von zwölf Kurzgeschichten aus dem Band „12 Gramm Glück“. Sein Held sinniert: „Hinter mir liegt Gerümpel, vor mir sind Prothesen.“ Eigentlich plant er einen Selbstmord. In Lulus Lachen sieht er eine Chance und bekennt: „Ohne große Scham gestand ich ihr, dass ich ein Liebeslaie war.“ In den Text versunken, lässt Zaimoglu die Sprache auf der Zunge zergehen. Wendungen mit dem rhythmischen Drive von Rappern transportieren den melodischen Fluss heute gesprochener Sprache körperlich.

Bevor Trojanow loslegt macht er dem Publikum Lust auf die bibliophile Ausgabe seines Werks „Nomade auf vier Kontinenten“. Erschienen in der Reihe „Die Andere Bibliothek“, öffnet Trojanow den in Leder gebundenen Handschmeichler. Er erklärt die Bedeutung der bunten Lettern und die Schwierigkeit, daraus ein Hörbuch zu machen: zu viele Fußnoten.

Vom Buch als Objekt der Begierde handelt denn auch die erste Geschichte: Ein Antiquariat im Himalaya mit Lesesalon, „in dem Schätze lagen, nach denen manche ein Leben lang suchen“. Dialogreiche Texte, denen Trojanow mit wechselnder Stimme Farbe gibt. Das rauchige Timbre für den Antiquar in Asien wie für den alten Afrikaner im Bananenbierrausch schmeckt verdächtig Willy-Brandig.

Zur Person

Feridun Zaimoglu
Gerade mal sieben Monaten alt kommt er mit seinen türkischen Eltern 1964 nach Deutschland. Er wächst in Ludwigshafen, Berlin und München auf, studiert Medizin entscheidet sich dann aber für die Schriftstellerei. Bekannt wird er in den 90er Jahren durch Bücher wie „Kanak-Sprak“ und „Abschaum“.
Ilija Trojanow
Geboren 1965 in Sofia, flieht er als Sechsjähriger mit seiner Familie nach Deutschland. Weiter geht es nach Kenia, wo sein Vater als Ingenieur arbeitet. Zum Studium kehrt er nach München zurück. In seinem Roman „Die Welt ist groß und Rettung lauert überall“ (1996) verarbeitet er die Flucht. leo