Hähne und Perlhühner

Bönnigheim - Als Charlotte Zander Anfang der 60er Jahre noch intensiv von Joseph Beuys bis zu Gerhard Richter die Avantgarde der Nachkriegszeit sammelt, macht der befreundete Rudolf Zwirner aus Köln Urlaub auf Haiti.

Von Claudia Ihlefeld

Hähne und Perlhühner
Neben Geschichte und Politik ist die Allgegenwart der Voodoo-Kultur ein Thema haitianischer Künstler wie Préfète Duffaut.Foto: Museum Charlotte Zander

Bönnigheim - Als Charlotte Zander Anfang der 60er Jahre noch intensiv von Joseph Beuys bis zu Gerhard Richter die Avantgarde der Nachkriegszeit sammelt, macht der befreundete Rudolf Zwirner aus Köln Urlaub auf Haiti. Zwirner, einer der einflussreichsten Galeristen in Deutschland, hat seine Kunstfreundin auf den Geschmack gebracht.

Mitte der 60er Jahre verlässt Charlotte Zander die Moderne und wendet sich der Kunst der Naive zu. "Mich interessiert das Erzählerische, nicht das Konstruierte." Das gilt auch für die knapp 50 überwiegend großformatigen Bilder, die das gleichnamige Museum in Schloss Bönnigheim aus aktuellem Anlass ausstellt. Nach dem Erdbeben im Januar sind auf Haiti Galerien eingestürzt und die Kunstwerke in öffentlichen Gebäuden zerstört. So verfügt das Museum in Bönnigheim über die größte Konzentration an haitianischer Kunst außerhalb Amerikas. Insgesamt umfasst Zanders Sammlung der Naive 4500 Arbeiten

Revolution und Korruption
 
Letzte Woche ist Zander von München nach Bönnigheim angereist, um die Hängung der Bilder zu überwachen und abends wieder heimzufahren. Bis 2000 hat sie Haitianer gesammelt, weniger Alltagsszenen, sondern Bilder, die von der blutigen Geschichte des Landes erzählen: von den Sklavenaufständen im 18. Jahrhundert, von Revolution und Putsch, von der Korruption und der Unterdrückung durch Diktatoren wie dem Duvalier-Clan Papa und Baby Doc, vom Armenpriester und Präsidenten Aristide, von der Invasion der UN-Truppen im Jahr 1994.

Andere Werkgruppen zeigen, wie gegenwärtig der Voodoo-Kult den Alltag bestimmt auf der Karibikinsel, die zwar seit 1804 unabhängige Republik, anders als andere Staaten Lateinamerikas aber hilflos rückständig und unterentwickelt ist.

Unmittelbar und mit der farbigen Wucht der Außenseiterkunst erzählen diese Bilder aus Haiti von einer anderen Welt, die lange Jahre Sklavenumschlagplatz war und wo die Analphabetenrate heute über 50 Prozent liegt. Die Ausstellung im Erdgeschoss des Schlosses zeigt zwei Generationen haitianischer Maler sowie Bilder einer Gruppe, die sich Saint Soleil nannte und spirituellen Visionen zum Thema hat.

Schwarze Offiziere

Mehr als andere Maler der Naive legen die Haitianer Zeugnis ab von ihrer Geschichte und Gegenwart. Da erschießt ein unbekannter Offizier den für seinen despotischen Führungsstil gefürchteten mulattischen Kaiser Jacques I., wird auf einem anderen Bild der Sklavenführer Toussant L"Ouverture verhört, proklamiert die siegreiche Armee aus schwarzen und mulattischen Offizieren die Unabhängigkeit der Kolonie.

Mit fantastischer Unbefangenheit dokumentieren die malenden Zeitgenossen die Begrüßung der multinationalen Truppen im Herbst 1994 oder die Rückkehr des Präsidenten Aristide. "Der Hahn und sein Sieg" nennt Jean-Louis Maxan ein Bild, das Aristide und seine Anhänger als stolze Hähne zeigt, während Perlhühner die verhasste Bourgeoise symbolisieren.

Dass Aristide das Land nicht in die Demokratie geführt hat, ist so unbestritten wie die Kluft zwischen Arm und Reich, die auch immer wieder bildlich festgehalten wird.

Museum Charlotte Zander, bis 2. Mai, Dienstag bis Samstag von 11 bis 15 Uhr, an Sonn- und Feiertagen bis 16 Uhr.