Gaffenberg-Festival: Groß geworden und gesundgeschrumpft

Heilbronn - Ausgebuchter und stimmungsvoller Auftakt: Das 23. Gaffenberg-Festival ist wieder auf den Berg zurückgekehrt und hat zum Start mit Hubert von Goisern & Ganes perfekte Weltmusik präsentiert. Bis Samstag stehen namhafte Künstler auf der Bühne im Wald.

Von Andreas Sommer

Heilbronn - Ausgebuchter und stimmungsvoller Auftakt: Das 23. Gaffenberg-Festival ist wieder auf den Berg zurückgekehrt und hat zum Start mit Hubert von Goisern & Ganes perfekte Weltmusik präsentiert. Bis Samstag stehen Konstantin Wecker und Hannes Wader, Eure Mütter, die Brenz Band sowie Gerhard Polt samt Biermösl Blosn auf der Bühne im Wald.

Weitere Infos unter www.gaffenbergfestival.de
 

Rückblick: Groß geworden und gesundgeschrumpft

Groß geworden und gesundgeschrumpft
Heute undenkbar: Blechlawine im Grünen anno 1986.Foto: Archiv
Was 1986 als bodenständiges Sommerfest und Schaufenster des regionalen Kulturlebens mit einem 50-köpfigen Team und einem Etat von 20.000 Mark begonnen hatte, entwickelte sich bis zum Jahr 2006 zu einem auch überregional ausstrahlenden Großereignis mit 20.000 Besuchern und einem Budget von 600 000 Euro: das Gaffenberg-Festival.

Ohne Gaffenberg-Festival würde etwas fehlen in Heilbronn: Deshalb unterstützt auch der Verein Heilbronner Kulturtage, der das Festival veranstaltet, die Aktion "SOS Gaffenberg" und sammelt Spenden während der noch bis Samstag laufenden 23. Auflage des beliebten Großereignisses.

Immer hat das Festival, das von fast 400 ehrenamtlichen Helfern getragen wird, auf bekannte und neue Namen gesetzt, Musik und Kabarett zu seinem Schwerpunkt gemacht und sich mit dem inzwischen auf Eis liegenden Wettbewerb "Heilbronner Lorbeeren" auch um den Nachwuchs verdient gemacht. Die Helfer leben auf dem Gaffenberg, diesem Ort der Toleranz und Weltoffenheit, eine andere Lebensform. Unten, im richtigen Leben, arbeiten sie, um sich Urlaub leisten zu können. Oben, auf dem Berg, leisten sie es sich, umsonst zu arbeiten. Dafür nehmen sie Urlaub. Das Festival ist ein kollektives Intensiverlebnis, das die Mitarbeiter zusammenschweißt und die Grenzen der Leistungs-, Leidens- und Erlebnisfähigkeit auslotet.

Groß geworden und gesundgeschrumpft
Mehrfacher Gast auf dem Berg: Georg Ringsgwandl 2005.Foto: Archiv/Veigel
Legendär war das Festival 1988, das im Zeichen der Annäherung von Ost und West stand. Pop aus der Sowjetunion, Jazz aus der DDR und Weltmusik aus Polen standen auf dem Programm. Eine ungarische Band durfte damals wegen Visa-Problemen nicht einreisen. Heute sind Sowjetunion und DDR Geschichte, Polen und Ungarn EU-Mitglieder.

1990 hieß das Motto "Der Süden lacht". Gemäß der Erkenntnis, dass Süddeutschland, Österreich und die Schweiz nicht nur jede Menge High Tech exportieren, sondern auch eine erquickliche Anzahl an Spöttern und Querdenkern beherbergen. Dem Süden sind die Kulturtage immer noch verbunden, wie die Auftritte von Hubert von Goisern, Gerhard Polt und LaBrassBanda zeigen.

Groß geworden und gesundgeschrumpft
Verrückte Finnen: Leningrad Cowboys gastierten 2001.Foto: Archiv/Veigel
Ob es im Nachhinein richtig war, Blondie, Nina Hagen oder Jimmy Cliff zu holen, mag dahingestellt sein. Puristische Fans des als "kulturbuntes Abenteuer" deklarierten Festivals erinnern sich gern an das schräge Schweizer Duo Stiller Has oder die coole australische Zirkusgruppe Rarazoo. Auch das Frankfurter Kurorchester zählte zu den Stimmungsmachern der frühen Jahre.

Deix-Plakat

1990 machte der Kulturtage-Verein durch die spektakuläre Deix-Ausstellung mit 50000 Besuchern im Deutschhof Furore. Der Verein engagierte Gianna Nannini für ein Konzert im Stadttheater oder buchte Hubert von Goisern und sein Konzertschiff für den Hafen. Spektakulär war der Auftritt von Harald Schmidt zum Tourneeauftakt in der Harmonie. Deix hinterließ seine Spuren auch auf dem wunderbaren Festival-Plakat von 1993 mit dem "Heilbronner Lichtermann". Die 90er Jahre waren fett: 1993 waren alle 20.000 Karten nach drei Tagen vergriffen.

Ab 2000 setzte der schleichend Publikumsverlust ein, der Einbruch kam 2007: Konkurrenzveranstaltungen und ein verändertes Freizeitverhalten forderten ihren Tribut. 2008 fiel das Festival aus, 2009 gab es eine abgespeckte Neuauflage. 2010 wich man in den Deutschhof aus. Bemühungen, das Publikum zu verjüngen, zeigten wenig Erfolg. Also machen die Veranstalter ein Festival für ein Publikum, das so ist wie sie. "Wir sind mit unserem Publikum älter geworden", sagt Festivalchef Rudi Faul. Und dieses 50-plus-Publikum will nicht mehr von Zelt zu Zelt pilgern, sondern sich auf ein, zwei Acts konzentrieren. Das Festival hat eine schwierige Phase hinter sich. Aber es ist, wie es aussieht, gesundgeschrumpft.