Freiheit oder Unfreiheit, das ist hier die Frage

Penzance/Neckarsulm - Die in Neckarsulm geborene Verena Stenke arbeitet zusammen mit ihrem Mann Andrea Pagnes als Performance- und Videokünstlerin auf der ganzen Welt. 2010 initiierte das Duo mit dem Namen VestAndPage das Projekt "Fragile – global performance chain journey", bei dem eine Glasscheibe von Künstler zu Künstler einmal um den Globus geschickt wird.

Von unserem Redaktions- mitglied Stefan Maurer

Freiheit oder Unfreiheit, das ist hier die Frage
Andrea Pagnes sitzt im Hundekäfig in der Galerie in Penzance.Foto: privat

Penzance/Neckarsulm - Die in Neckarsulm geborene Verena Stenke arbeitet zusammen mit ihrem Mann Andrea Pagnes als Performance- und Videokünstlerin auf der ganzen Welt. 2010 initiierte das Duo mit dem Namen VestAndPage das Projekt "Fragile − global performance chain journey", bei dem eine Glasscheibe von Künstler zu Künstler einmal um den Globus geschickt wird. "Derzeit ist das Glas in Barcelona. Noch einige Teilnehmer, dann springt es über den Atlantik auf den amerikanischen Kontinent", erklärt Stenke. Während dieses Projekt noch viel Zeit in Anspruch nimmt, steht ein neues an. VestandPage sind derzeit in der The Exchange and Newlyn Art Gallery im englischen Penzance zu sehen − live.

Hundekäfig Fünf Tage und vier Nächte lässt sich das Künstlerpaar für die Performance "Without tuition or restraint" in der Galerie einschließen. Der aus Florenz stammende Pagnes lebt in einem Hundekäfig, Venke nutzt den Ausstellungsraum als imaginären Käfig. Der Titel des Projekts entstammt einem Zitat des Polittheoretikers Edmund Burke. "Ohne Lehre und Beherrschung", ist eine der möglichen Übersetzungen, "Freiheit ist ohne Weisheit und Tugend das Schlimmste aller Übel, sie ist nichts anderes als Torheit, Laster und Wahnsinn, ohne Lehre und Beherrschung", lautet das Zitat. In dieser Performance geht es also um Freiheit; Antworten will das Projekt nicht geben, vielmehr will es Fragen aufwerfen, Denkanstöße geben.

"Uns interessiert in unseren Arbeiten immer die Grenze zwischen Privat- und Sozialsphäre. Das Thema Freiheit ist Teil unserer Untersuchung über diese einfachen Sphären: ich bin hier, du auch, und vielleicht noch jemand oder ganz viele andere. So entsteht ein Sozialsytem", sagt Venke und ergänzt: "Nach Burke ist Freiheit ohne eine moralische und ethische Basis ein Übel ohne Lehre und Beherrschung."

Höchstes Gut Eine Beobachtung, die wie wenige andere in unsere Zeit passt. Dem Finanzmarkt wird Zügellosigkeit jenseits aller Moral vorgeworfen, die Politik baute jahrelang weltweit Beschränkungen ab − zugunsten der Freiheit. Sie ist das höchste zivilisatorische Gut. In arabischen Ländern gehen und gingen Hunderttausende für die Freiheit auf die Straßen. In New York, Madrid und Frankfurt protestieren Menschen gegen die Freiheit der Märkte, um ihre persönliche, materielle Freiheit zu stärken. "Without tuition and restraint" widmet sich einem zentralen Begriff der Geschichte und arbeitet sich daran mit dem Gegenteil ab: Unfreiheit. Venke und Pagnes sind eingesperrt.

"Was gemeinsam existiert, beeinflusst sich, infiziert sich, und kreiert, meist unter Druck, etwas unbestimmtes Neues", sagt Stenke und hat Recht. Ein Blick aus dem Fenster genügt, um dies festzustellen. In Penzance muss man einen Blick in das Fenster der Galerie werfen, um die Welt im Kleinen zu entdecken.