Eine deutsch-türkische Biografie: Nilgün Tasman

Heilbronn - Ihre Babaane, ihre Großmutter im fernen Anatolien, konnte nicht lesen. Was sie jedoch nicht davon abhielt, in Büchern zu blättern. Ihre Enkelin sollte es anders machen. "Lerne, Tinte zu lecken", gab die Babaane der kleinen Nilgün auf den Weg.

Heilbronn - Ihre Babaane, ihre Großmutter im fernen Anatolien, konnte nicht lesen. Was sie jedoch nicht davon abhielt, in Büchern zu blättern. Ihre Enkelin sollte es anders machen. "Lerne, Tinte zu lecken", gab die Babaane der kleinen Nilgün auf den Weg.

Wie sie lernte, Tinte zu lecken, das erzählte die deutsch-türkische Schwäbin Nilgün Tasman nun in der Stadtbibliothek Heilbronn. Einige Kapitel ihrer Autobiografie "Ich träume deutsch und wache türkisch auf", die im Herder Verlag erschienen ist (174 Seiten, 14,95 Euro), las sie in der bestens besuchten Gemeinschaftsveranstaltung von Bibliothek und dem Kultur- und Wohltätigkeitsverein türkischer Frauen Heilbronn.

Doch noch viel lieber verlässt sich die in Göppingen aufgewachsene Tasman auf ihr Erzähltalent. In kleinen Anekdoten erzählt sie, wie sie in den siebziger Jahren als Gastarbeiterkind aufwuchs und eine Liebe zu beiden Welten zu entwickelte. Es sind zartbittere Erlebnisse, an die sie sich erinnert. An Tage voller Missverständnisse im katholischen Kindergarten. Wie sie ihre Eltern anlog, um ein einigermaßen selbständiges Leben führen zu können. An Zeiten, in denen sie für ihre Eltern dolmetschen musste.

Schonungslos berichtet sie von der Sprachlosigkeit der Elterngeneration, von körperlicher Gewalt und latenter Depression, die aus dem ständigen Hin- und Hergerissensein zwischen den Kulturen folgte. Inzwischen sind ihre Eltern in die Türkei zurückgekehrt.

Die 42-jährige Tasman hat Tinte geleckt: Nach der Meisterprüfung zur Friseuse studierte sie Psychologie und arbeitet jetzt als Coach. mia