Ein Bild kann eine Waffe sein

„Nach-Richten – Eine utopische Zeitung“: Eine ganz erstaunliche Gruppenausstellung in der Stadtbibliothek im K3

Von Michaela Adick

Halten zusammen: Die Macher der Schau „Nach-Richten“.Foto: Schmerbeck  
Heilbronn - Nachrichten sollen die Welt erklären, gewichten, Ordnung schaffen. Wie aber werden Nachrichten wahrgenommen? Und was passiert, muss der Konsument erkennen, dass er hinters Licht geführt wurde, dass es sich tatsächlich nur um eine vorgetäuschte Nonsens-Nachricht handelt?

Bernhard Stumpfhaus, Kunsthistoriker und Kurator einer ganz erstaunlichen Ausstellung in der Stadtbibliothek, entscheidet sich, die Probe aufs Exempel zu machen. Als Sandwichman schlendert Stumpfhaus durch die Fußgängerzone. Aus dem Augenwinkel heraus wird er von Passanten mit großen Augen betrachtet und, nach einer kurzen Schrecksekunde, ignoriert. Was er denn hier tue, fasst sich ein Fußgänger ein Herz.

Irritation

Eine sofort konsumierbare Botschaft hatte Bernhard Stumpfhaus schließlich nicht zu anzubieten, er war kein gewöhnlicher Werbeträger. Eine kryptische Verballhornung eines „Bild“-Werbespruchs auf der einen Seite, der auf der anderen Seite von einem lakonischen „Na, Na, Na“ kommentiert wird, soll irritieren, bestenfalls provozieren. Bernhard Stumpfhaus ist fasziniert. Seine Idee eines Auftritts als „informative Leerstelle“, wie er es nennt, ist voll aufgegangen.

Die Bedeutung der Medien in unseren Köpfen untersucht nun eine Ausstellung mit dem durchaus doppeldeutig zu verstehenden Titel „Nach-Richten – Eine utopische Zeitung“ in der Stadtbibliothek Heilbronn. Bis Ende September zeigen Künstler aus München, Leipzig, Frankfurt und Heilbronn ihren Zugang zu den Medien und die Tücken mit der Wahrnehmung.

Während sich Willi K. Schäfer und Günther Zitzmann, die beiden Vertreter aus der Käthchenstadt, sich mit ursprünglichen Verfremdungstechniken beschäftigen (Zitzmann kombiniert Zeitungen mit allerlei kleinen Figuren und fotografiert sie als eigenwillige Ensembles ab, Willi K. Schäfer ergänzt Zeitungsseiten mit Comics und irritierenden Kommentaren), zeigen Jirko Pfahl, Olaf Probst und Michael Wagener assoziative Annäherungen. Jirko Pfahl, Absolvent der Hochschule für Grafik und Buchkunst in Leipzig, präsentiert Installationskunst: Großflächige binäre Codes aus Leistenstiften und Kabelbindern. Michael Wagener, Begründer des Gutleutverlags Frankfurt, beschäftigt sich mit Topografien, Landschaftscollagen, die er so eigenwillig assembliert, dass ihre Funktion, Orientierung zu verschaffen, dreist unterlaufen wird.

Verfremdung

Michael Wageners hintersinnig gestaltete Landschaften öffnen neue Horizonte, eine Illusion einer Welt entsteht, die vielleicht Orientierung bieten könnte. Wahr im konventionellen Sinne sind sie jedoch nicht. Eine eigene Wahrheit schaffen, das beabsichtigt auch Olaf Probst, der sich inhaltlich mit Zeitungsseiten auseinandersetzt. Er weißelt Überschriften, setzt neue Rahmen: Verfremdungstechniken, die noch nicht schrecklich aufregend wären, würde Probst dabei nicht eine weitere Dimension öffnen: Markante Bildflächen entstehen, ein Spiel mit Farbwertigkeiten und Papiergilb. Mal sind es Spielereien, wie beim Artikel zu Hitchcocks „Fenster zum Hof“, wo sich im Fenster eine weitere Bildebene öffnet. Manchmal wird bei ihm ein Bild zur Waffe. Provokation gelungen.

Stadtbibliothek Heilbronn, bis 27. September. Dienstag bis Freitag 10 bis 19 Uhr, Samstag bis 15 Uhr. Vom 4. bis 30. August geschlossen.