Die Brücke ins Licht schlagen

Heilbronn - Er war "weder Wissenschaftler, noch systemschaffender Philosoph", sondern ein empfindsamer Künstler, ein suchender, liebender, leidender Mensch.

Von Andreas Sommer

Die Brücke ins Licht schlagen
Im Jahr 1921 entstand dieses Foto von Manfred Kyber und seiner Tochter Leonie (1904-1982) aus derVerbindung mit Elisabeth Gerlach-Wintzer. Kyber adoptierte seine liebevoll Lonny genannte Tochter 1922.Foto: Aurinia Verlag

Heilbronn -  Er war "weder Wissenschaftler, noch systemschaffender Philosoph", sondern ein empfindsamer Künstler, ein suchender, liebender, leidender Mensch. Einen "Leidenschaftler" nennt Karl-Heinz Dähn in seiner Biografie den Dichter und Tierschützer Manfred Kyber treffend, der am 1. März 1880 in Riga geboren wurde.

Dähn, Jahrgang 1926, Schulamtsdirektor a.D. und anerkannter Kyber-Forscher, hat seinen 1983 für das Jahrbuch des Historischen Vereins Heilbronn geschriebenen Text überarbeitet und nun erstmals in Buchform herausgebracht. So schließt die interessante Biografie eine Lücke, weil sie nicht nur die Lebensstationen Kybers beschreibt, sondern auch viele Querverbindungen zu den geistigen Strömungen jener Zeit aufzeigt.

Bohemien

Achtung vor allem, was lebt, kennzeichnet die Grundhaltung des Mannes, der seine Kindheit auf dem Gut Paltemal bei Riga erlebt. Der genialische, unordentliche und sprachbegabte Manfred verlässt das Gymnasium in St. Petersburg ohne Abschluss. In Leipzig schreibt er sich als Gasthörer an der Universität ein, aber der Wissenschaftsbetrieb ist ihm zu vordergründig-analytisch. Kyber führt das Leben eines Bohemien und Kaffeehaus-Literaten. Aus der Beziehung mit der um 17 Jahre älteren Elisabeth Gerlach-Wintzer geht 1904 Tochter Leonie hervor. Unter den Einflüssen von Jugendstil und Symbolismus zeigt sich bei den ersten literarischen Versuchen Kybers bereits eine mystische Ader.

In Berlin lernt er die geistesverwandte Elisabeth Boltho von Hohebach kennen, die er 1909 heiratet. Nach einem Treffen mit Rudolf Steiner wird Kyber 1915 Mitglied der Anthroposophischen Gesellschaft. "Es ist meine Aufgabe, die Brücke ins Licht zu schlagen", zitiert Dähn den Schriftsteller, der dem Inkarnationsglauben anhängt. Der Durchbruch zur epischen Kurzform gelingt Kyber 1912 mit den Tiergeschichten. Er ist Verfechter der Reformbewegung und hat ein Faible für Okkultismus. Der Materialismus ist ihm zuwider.

Märchen

Als Tierfreund ist er Vegetarier, trinkt keinen Alkohol, bleibt aber zeitlebens starker Raucher. Bei Kriegsausbruch schweigt er, leidet an seiner Ohnmacht. Mit Einschränkung bejaht Karl-Heinz Dähn die Frage, ob Manfred Kyber heute ein Grüner wäre. 1919 verschlägt es ihn nach Stuttgart, wo er als Theaterkritiker arbeitet und die Märchenform für sich entdeckt. 1922 folgt die Scheidung, seine Frau kehrt aber wieder zu ihm zurück. Ein Jahr später zieht Kyber nach Löwenstein, wo er Ruhe vor der lauten Welt sucht.

Er erlebt die Bergstadt rasch als Einöde mit rauen Menschen, die der Esoteriker mit seiner Art überfordert. Krankheit und Geldnot prägen die letzten Jahre. Am 10. März 1933 stirbt Manfred Kyber in Löwenstein.

Karl-Heinz Dähn: Manfred Kyber − Ein Ort der Sehnsucht. Aurinia Verlag Hamburg, 116 Seiten, 12,80 Euro. Das mit Werkverzeichnis, Ahnentafel und vielen Fotos ausgestattete Buch ist in den Geschäftsstellen unserer Zeitung erhältlich.