Blick in die Tiefe

Heilbronn - Acrylmalerei von Gerhard Knell in der Städtischen Galerie

Von Martina Kitzing-Bretz

Heilbronn  - Die Wirklichkeit im Bild kann sehr unterschiedlich aussehen. Das zeigen die Landschaftsbilder von Gerhard Knell, der in seiner Malerei fotorealistische und abstrakte Elemente miteinander kombiniert und damit zu einer Art virtuellen Realität gelangt, in deren Bildraum der Betrachter eintritt. Dabei blickt er zusammen mit der realistisch gemalten Rückenfigur im Bild in einen Abgrund, der etwa wie ein Satellitenbild der Erde aus dem Internetdienst Google Earth gestaltet ist.

Gegensatz Im Unterschied zur deutlich umrissenen Figur sind die Formen der Erdlandschaft verschwommen wiedergegeben, sind die Farben des Hintergrunds nicht fein vermalt, sondern fleckenartig aufgetragen oder aufgeschüttet. Der damit einhergehende Abstraktionsprozess steht in einem spannungsvollen Gegensatz zum Realismus der Figur. Außerdem ergibt sich dadurch eine starke Tiefenräumlichkeit des Landschaftsbildes, in dessen Vordergrund sich nicht nur ein Mensch, sondern das ein oder andere Mal auch ein Gegenstand befindet.

In der Regel jedoch ist in den Acrylbildern der Ausstellung "Innere Landschaft" in der Städtischen Galerie ein Junge in Badehose auf einem Sprungbrett zu sehen, der in ein von Fliesen umgebenes Schwimmbecken oder in eine abstrakte Wasserlandschaft hinabschaut. Angeregt von dem heute noch praktizierten, mythischen Ritual des Gol oder Turmspringens von Südseeinsulanern, bindet Knell das Motiv des Sprungs oder Blicks in die Tiefe oftmals in seine Bilder ein. Dabei überträgt der aus Bad Wimpfen stammende, heute in Höhenkirchen-Siegertsbrunn bei München lebende Künstler seine eigene Kindheitserfahrung von Mutproben auf die Grenzerfahrung der Vanuatu-Insulaner.

Steile Kreidefelsen Das Motiv der in den Abgrund blickenden Rückenfigur ist aber auch inspiriert durch die Gemälde des Romantikers Caspar David Friedrich, dessen Figuren als Vanitas-Symbol von den steilen Kreidefelsen auf Rügen in die Tiefe blicken.

Auch die Perspektive des ausgestellten Bildes "Romantisch II" ist von romantischen Landschaftsbildern des Malers aus dem 19. Jahrhundert angeregt, indem dieser in den "Lebensstufen" von 1834 zwei gegenläufige Hyperbeln perspektivisch aufeinandertreffen ließ.

Die Figuren in den Bildern von Knell, der an der Akademie der Bildenden Künste in München Freie Malerei und Grafik studiert hat, stehen nicht nur über dem Abgrund, sondern sie klettern, fliegen und schauen in die Tiefe, und mit ihnen der Betrachter. Die virtuelle Realität des Künstlers wird für ihn so erfahrbar wie etwa für den Mutigen die Wirklichkeit des Bungee-Jumpings.

Bis 28. August: Dienstag bis Sonntag von 10 bis 12 und von 14 bis 17 Uhr.