Zwei Konzerte mit dem WKO und der Geigerin Veronika Eberle

Heilbronn  "Streicherharmonie": Das Württembergische Kammerorchester Heilbronn überzeugt mit der Solistin Veronika Eberle und treffsicherem Ton in der Harmonie.

Von Michaela Adick
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Konzentriert und geradlinig: Kitsch passt einfach nicht zur klaren Haltung der Violinistin Veronika Eberle, die Solistin bei zwei WKO-Konzerten in der Harmonie Heilbronn.

Foto: Mario Berger

Diese Stille, so unheimlich wie überwältigend, sie will ausgehalten sein. Joseph Bastian, der das Württembergische Kammerorchster Heilbronn souverän durch einen Abend mit Stücken für Streichorchester geführt hat, hält die Konzentration der Musiker wie der Besucher in den beiden Corona-Konzerten in derHarmonie noch einen Moment zusammen.

Der gebürtige Franzose, der auf eine lange Karriere als Bassposaunist und eine noch recht kurze als Dirigent zurückblickt, er winkt nicht ab, noch lange nicht.

Drama in fünf Akten

So leicht darf es keine Entlastung geben. Jeder spontane Applaus, so ehrlich er auch anmuten würde, wäre fehl am Platz. Dieses aufwühlende Drama aus der Feder von Dmitri Schostakowitsch soll nachschwingen. 1960 hatte der Russe in höchster Seelennot und wenigen Tagen seine wohl autobiografischste Arbeit niedergeschrieben, seinem achten Streichquartett gar mit der Tonfolge D-Es(S)-C--H seinen Stempel verpasst. Ein beklemmender, todtrauriger Rückblick, gespickt mit Zitaten aus seinem Werk.

Der Zuhörer ahnt: Hier zieht ein Künstler eine Lebensbilanz, und was er sieht, macht ihn nicht froh. Die Zeitläufte, sie waren nicht so. All die Erinnerungen an millionenfachen Mord und die menschlichen und politischen Verwerfungen in Zeiten des Totalitarismus. Gerade erst war Schostakowitsch genötigt worden, in die KPdSU einzutreten. Eine persönliche Niederlage. Was für ein Drama in fünf Akten wird hier aufgeblättert mit einer überaus sprechenden Musik und diabolischen Walzern und Anklängen an Revolutionsliedern sibirischer Zwangsarbeiter.

Hier erweisen sich die Musiker des WKO als mitfühlende Mitstreiter Schostakowitschs, klug arbeiten sie das Existenzielle heraus, Konzertmeister Zohar Lerner und Cellist Tobias Bäz überzeugen in Soli. Nach der Stille, die tatsächlich trägt, brandet in den beiden Corona-Konzerten ein herzlicher Applaus auf für das abgründige Werk des Russen, das hier in der Bearbeitung von Rudolf Barschai als "Kammersinfonie c-Moll op 110a" zu hören und in seiner ganzen Emotionalität auch zu durchleiden war.

Meister der Wiener Klassik

Applaus aber auch für die Programmgestaltung dieser "Streicherharmonie", die zu einem Streifzug durch zwei Jahrhunderte einlädt: mit Barockanklängen des Bach-Sohnes Wilhelm Friedemann Bach, der in seiner Sinfonie F-Dur Fk 67 "Dissonanzen-Sinfonie" seinem unsteten Ruf gerecht wird. Mit überwältigenden Romantizismen des Belgiers Guillaume Lekeu, der kurz vor seinem frühen Tod mit 24 Jahren das "Adagio pour Quatuor d"Orchestre op.3" veröffentlicht hatte. Und mit dem "Violinkonzert C-Dur Hob.VIIa:1" von Joseph Haydn, in dem man Haydn einmal nicht in seiner Rolle als Meister der Wiener Klassik erlebt, sondern als Brückenbauer und Suchenden.

Die Barockzeit wirkt hier noch nach. Mit Haydns Violinenkonzert begibt sich die Solistin Veronika Eberle auf die Spur eines Komponisten, der sich am Hofe der Esterhazys gut eingerichtet hatte. Seit langem gehört dieses Violinenkonzert mit seinen kniffligen Doppelgriffen, seinen Triolenfigurationen und Passagen in hohen Lagen zu ihren Paradestücken. Umso erstaunlicher, wie die 31-jährige Eberle, die seit einigen Jahren auf der "Aurea"-Stradivari spielt, ihrem Haydn immer wieder etwas Neues abgewinnen sucht.

Subtil ist ihr Spiel, feinfühlig, immer geradlinig. Nein, mit Vibratoklängen muss man sich hier zurückhalten. Kitsch passt einfach nicht zur klaren Haltung der Violinistin.

Zur Person: Mit zehn Jahren debütierte sie mit den Münchner Symphonikern, mit zwölf studierte sie als Jungstudentin an der Hochschule für Musik und Theater in München bei Ana Chumachenco: Die Violinistin Veronika Eberle, 1988 in Donauwörth geboren, gilt als Senkrechtstarterin. Die Preisträgerin des internationalen Violinwettbewerbs Yfrah Neaman (2003) tritt weltweit auf. BBC Radio 3 wählte sie in ihr New Generation Artists Scheme. Veronika Eberle spielt die "Aurea"-Stradivari.


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