Zerrieben zwischen zwei Männern: "Amphitryon" feiert Premiere am Theater Heilbronn

Heilbronn  In der Regie von Jasper Brandis feierte Heinrich von Kleists Bühnenklassiker "Amphitryon" am Freitag im Großen Haus Premiere. Nicht alle Teile der Inszenierung fügen sich dabei nahtlos aneinander. Insbesondere das Schicksal einer Figur geht jedoch zu Herzen.

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Von Merkur (Lion Leuker, links) beobachtet: Alkmene (Regina Speiseder) traut ihren eigenen Sinnen nicht mehr. Handelt es sich bei diesem Mann (Arlen Konietz) tatsächlich um ihren Gatten Amphitryon?

Foto: Jochen Quast

Hat eigentlich schon jemand nachgezählt, wie oft in diesem Stück vom Teufel die Rede ist? Gefühlt kommt irgendwann jede der Figuren einmal auf ihn zu sprechen. Was zugegeben wiederum kaum verwunderlich ist. Geht es in Heinrich von Kleists "Amphitryon" doch nicht mit rechten Dingen zu. Aber der Leibhaftige, der hat mit den eigenartigen Geschehnissen dann doch nichts zu tun.

Dafür aber Jupiter. Der Göttervater schleicht sich nämlich in Begleitung seines Gehilfen Merkur vom Olymp herab auf die Erde, um in Gestalt des thebanischen Feldherren Amphitryon eine Liebesnacht mit dessen ahnungslosen Ehefrau Alkmene zu verbringen. Ein übles Täuschungsmanöver, das auch dann noch nicht vorbei ist, als der echte Amphitryon, vom Krieg gegen die Athener heimgekehrt, vor der Türe steht.

Ein Bühnenklassiker, der Fragen zu Identität und Entfremdung verhandelt

Zwischen Komik und Tragik angesiedelt, handelt Kleists Bühnenklassiker aus dem Jahr 1807, für den er sich beim gleichnamigen Lustspiel des Franzosen Molière bedient hat, von Identität und Entfremdung. In Jasper Brandis" Inszenierung für das Theater Heilbronn, die am Freitag Premiere gefeiert hat, ist es insbesondere Alkmene, die die Vorgänge in eine ernste emotionale Verwirrung und existenzielle Krise stürzt.

Die herausragende Regina Speiseder vollzieht in der Rolle glaubhaft den Wandel von der ebenso liebenden wie selbstbewussten Ehefrau zur erschütterten Betrogenen. Zerrieben zwischen "ihren" beiden Männern steht sie am Ende da auf der Bühne im Großen Haus und seufzt herzzerreißend ihr berühmtes "Ach".

Hier der Playboy, dort der Choleriker

Überhaupt diese Männer: Als wir Jupiter das erste Mal kennenlernen, schafft er es nach dem Schäferstündchen mit Alkmene gerade noch rechtzeitig, seine Hugh-Hefner-Pyjamahose hochzuziehen (Kostüme: Karen Simon). In Stefan Eichbergs Göttervater scheint jener Typus Playboy durch, der so verunsichert wie rücksichtslos bei den Frauen nach Bestätigung fürs eigene Ego sucht.

Ein rabiater Krieger, dessen Temperament immer wieder mit ihm durchgeht: Arlen Konietz führt dagegen anhand seines Amphitryons die Komik eines Cholerikers vor. Am Ende werden er und Jupiter sich dann doch handelseinig. Ein Halbgott als Sohn? Das ist für den Feldherrn einfach zu verlockend.

Umschwirrt und verdoppelt wird dieses Dreiergespann von Diener Sosias und seiner Frau Charis, ein mitunter überdrehtes Duo (Oliver Firit und Romy Klötzel), das sich in seiner List und seiner Unterwürfigkeit, man muss es so sagen, verdient hat. Aufgemischt wird es von Gehilfe Merkur, den Lion Leuker vergnüglich pfeifend sein eigenes Süppchen kochen lässt.

Am Ende gibt sich das Theaterstück als Theaterstück zu erkennen

Äußerer Schein und inneres Gefühl: Für dieses Gegensatzpaar hat Dieter Richter ein Bühnenbild entworfen, das von einem Vorhang dominiert wird, der je nach Ausleuchtung die meterhohe, undurchdringliche Wand von Amphitryons Schloss in Theben darstellt oder aber den Blick ins Innere der Gemächer (und der Psyche Alkmenes) freigibt.

Die Barockmusik von Händel und Vivaldi, mit der Regisseur Jasper Brandis einige Szenen unterlegt hat, verleihen ihnen eine geisterhafte Stimmung. Die will sich jedoch nicht immer nahtlos einfügen, insbesondere wenn polternde Momente folgen. Auch lässt das Ende, an dem sich das Theaterstück plötzlich selbst als Theaterstück zu erkennen gibt, weil Merkur Regieanweisungen Kleists betont gelangweilt verliest, etwas ratlos zurück. Wohlwollender Beifall und vereinzelter Jubel aus dem Publikum.

Weitere Aufführungen: www.theater-heilbronn.de


Christoph Feil

Christoph Feil

Autor

Seit 2015 ist Christoph Feil bei der Heilbronner Stimme. Er arbeitet im Ressort Leben und Freizeit. Darüber hinaus schreibt er für das Thementeam Wissen, hat den aktuellen Buchmarkt im Blick und stellt für das "Interview der Woche" Menschen gerne Fragen.

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