Wie sich Verleger Ingo Držecnik eine Nische im Buchmarkt erobert hat

Heilbronn  Verleger Ingo Držecnik ist in der Region Heilbronn aufgewachsen. Im Herbst wird der Mitbegründer des Elfenbein Verlags zum zweiten Mal mit dem Deutschen Verlagspreis ausgezeichnet.

Von Michaela Adick
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Ingo Držecnik ist in der Region Heilbronn aufgewachsen. In diesem Herbst wird er zum zweiten Mal mit dem Deutschen Verlagspreis ausgezeichnet. Foto: privat

Menschen gibt es. Menschen, die einen Hang für PC-Schnickschnack haben oder für schnelle Autos. Ingo Držecnik hat ein Faible für Gesamtausgaben. Erst war es Klabund, der große Literat des Expressionismus, den Ingo Držecnik in einer schmucken, achtbändigen Werkausgabe zurück in das Licht der Öffentlichkeit geholt hat.

Dann kam der englische Exzentriker und moderne Klassiker Anthony Powell (1905-2000) und sein zwölfbändiger Zyklus "Ein Tanz zur Musik der Zeit". Eine frische Übersetzung, beste Ausstattung mit Lesebändchen, seine Bücher sind allesamt ein haptisches Vergnügen, gefolgt von furiosen Besprechungen in allen großen Gazetten.

Der Elfenbein Verlag hatte es geschafft, was man so schaffen kann als Kleinstverlag: keine großen, aber anständige Auflagen. Und etwas, was man nicht kaufen kann: Aufmerksamkeit. Jetzt wird der Verlag, der im Prenzlauer Berg in Berlin residiert, zum zweiten Mal mit dem Deutschen Verlagspreis in Höhe von 20.000 Euro ausgezeichnet.

In Heilbronn hat alles angefangen

Angefangen jedoch hat alles in Heilbronn, in der Karlstraße. "Wir haben in der Mittelstufe eine Klassenzeitung herausgegeben", erinnert sich Ingo Držecnik belustigt an seine Zeit am Theodor-Heuss-Gymnasium. "Es gab eine offizielle Schülerzeitung, das Schlotterle, und dann gab es uns." Das schlief dann irgendwann ein, doch Držecnik hatte Blut geleckt. Während des Studiums in Heidelberg übernimmt er mit seinem Kommilitonen Roman Pliske das Magazin "metamorphosen". Sie machen alles. "On the Job", so Držecnik.

Wie nebenbei stoßen sie auf den Lyriker Andreas Holschuh. "Den müssen wir drucken." Doch wie? Sie verkaufen ihre Autos, gründen den Elfenbein Verlag, lassen die Gedichte in Pilsen drucken. "Damit die Kosten im Rahmen bleiben." Dann der Suizid von Holschuh. "Ziemlich katastrophal", erinnert sich Držecnik . Menschlich, aber auch was den Verlag in Gründung betrifft, der sich später in einer aufgelassenen Tankstelle in Heidelberg niederlassen wird. "Roman und ich tingelten durch die Buchhandlungen."

Über die Jahre hat der Elfenbein Verlag viele Achtungserfolge

Eine Besprechung von Michael Buselmeier in der Wochenzeitung "Der Freitag" hilft. "Ein Achtungserfolg", so Držecnik, der das Understatement liebt. Denn viele Achtungserfolge kommen zusammen: Hier eine erfolgreiche Drittmittelsuche, dort die clevere Idee, Autoren ins Programm zu nehmen, die aus Gastländern der Frankfurter Buchmesse kommen. Doch: "Über viele Jahre war der Verlag ein Zuschussgeschäft." Ein zweites Standbein muss her, Držecnik arbeitet immer wieder in der Erwachsenenbildung.

"Der Buchhandel ist wie er ist", so Držecnik abgeklärt. Kleine Verlage werden oft übersehen. Und literarische Buchhandlungen im engeren Sinne sind rar. An die Buchhandlung von Carmen Tabler erinnert sich Držecnik gerne, der nur noch selten in die Region kommt. Um die zehn Bücher entstehen im Laufe eines Jahres in dem Ein-Mann-Verlag, Roman Pliske ist inzwischen stiller Teilhaber und hat sich mit dem Mitteldeutschen Verlag in Halle selbstständig gemacht. Eine Heidenarbeit für Držecnik. Rechte müssen abgeklärt werden, Übersetzungen bestellt, dazu das ganze Klein-Klein. Držecnik nimmt sich Zeit.

Die Editionen entstehen mitunter in mehrjähriger Arbeit

Die Entstehungsgeschichte der Edition von Anthony Powell hat wohl an die 15 Jahre gedauert. "Michael Maars Nachruf auf Powell in der "NZZ" 2000 hatte mich neugierig gemacht auf Powell." Der war, oh Wunder, in deutscher Übersetzung nur noch antiquarisch zu erhalten. Držecnik kontaktiert den Übersetzer. Doch die Sache schläft ein. "Und dann waren 14, 15 Jahre vergangen." Klabund kam dazwischen und viele weitere Entdeckungen.

Heute ist Powell im Elfenbein Verlag eine Bank, in der siebten Auflage ist er erschienen. Und darauf will Držecnik jetzt aufbauen: mit einem zehnbändigen Zyklus eines weiteren Engländers. Im Herbst erscheinen die beiden ersten Bände des Zyklus "Almosen fürs Vergessen" von Simon Raven (1927-2001). "Wir wissen ja gar nichts", so Držecnik. "Es gibt noch so viel zu entdecken."

 

Zur Person

1971 in Bruchsal geboren, wächst Ingo Držecnik in Gemmingen und Heilbronn auf. Abitur am Theodor-Heuss-Gymnasium, Studium der Geschichte, Politikwissenschaften und Germanistik in Heidelberg. Während des Studiums gibt er zusammen mit seinem Kommilitonen Roman Pliske das feuilletonistisch angehauchte Magazin "metamorphosen" heraus. 1996 erscheint das erste Buch im frisch begründeten Elfenbein Verlag, der seit 2001 im Prenzlauer Berg in Berlin seinen Sitz hat. 2018 erhält der Verlag den Kurt-Wolff-Preis, 2019 und 2020 den Deutschen Verlagspreis.


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