Wie sich Europa weitererzählen lässt

Heilbronn  Viele Erzählungen, aber kein Masternarrativ: Die Literatur- und Kulturwissenschaftlerin Aleida Assmann nimmt zum Auftakt der Reihe "Europa am Scheideweg?" Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft der europäischen Gemeinschaft in den Blick.

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"Für Europa gibt es kein einheitliches Narrativ, aber viele Erzählungen": Im Gespräch mit Historiker Erich Pelzer sowie in einem Vortrag blickte die Literatur- und Kulturwissenschaftlerin Aleida Assmann auf die europäische Gemeinschaft.

Foto: Ralf Seidel

Wo nur anfangen? Im antiken Athen? Bei Karl dem Großen? Oder nach Kriegsende 1945? Ein Masternarrativ für Europa zu finden - daran ist man auch schon in Brüssel gescheitert. Denn verschiedene Anläufe waren beispielsweise notwendig, bis das Konzept für das 2017 eingeweihte Haus der europäischen Geschichte stand. Um die Komplexität dieser Historie zu verdeutlichen, setzt das Museum nun gerade nicht auf die eine Meistererzählung, sondern auf "zahlreiche Sichtweisen und Auslegungen".

Aleida Assmann hat die Entstehung dieses historischen Museums verfolgt und ist überzeugt: "Für Europa gibt es kein einheitliches Narrativ, aber viele Erzählungen." Indem wir von Europa erzählen, eignen wir es uns an, und zwar jeder und jede aus einer anderen Perspektive. Diese These begründet die renommierte Literatur- und Kulturwissenschaftlerin am Montagabend ihrem Publikum in einem so anregenden wie thematisch dichten Vortrag. Präsentiert wird der Auftakt der vierteiligen Veranstaltungsreihe "Europa am Scheideweg?" vom Literaturhaus und der Kreissparkasse Heilbronn.

Die drei Europas, in denen Aleida Assmann gelebt hat

Dort "Unter der Pyramide" wirft Assmann zunächst einen persönlich gefärbten Blick auf die drei Europas, die die heute 74-Jährige erlebt hat: das Europa der Polarisierung ab 1945 im Kalten Krieg, das der Pluralisierung nach dem Fall der Mauer 1989 sowie das gespaltene Europa seit 2015 durch Migration. Das fehlende Masternarrativ, so schlägt die meinungsstarke Intellektuelle vor, könne durch einheitsstiftende Grundsätze und Werte ersetzt werden. Vier Lehren, die die Mitgliedsstaaten aus ihrer Gewaltgeschichte gezogen hätten, bringt Aleida Assmann dafür ins Gespräch: die Friedenssicherung, die Demokratisierung, eine selbstkritische Erinnerungskultur sowie die Menschenrechte.

In mehrfacher Hinsicht weitet Assmann daraufhin die Perspektive: Ihre Analyse von der Menschheit als Überlebensnotgemeinschaft im Angesicht des beschleunigten Klimawandels verknüpft sie mit einem engagierten Plädoyer für "einen Wandel, der bei uns selbst anfängt". "Das größte Risiko liegt heute im Unterlassen", warnt die Trägerin des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels.

Lässt sich die Vergangenheit reparieren?

Auch wie Europa weitererzählt werden kann, fragt Assmann und liefert zugleich eine Antwort: mit der Stimme der Jugend, die sich in der globalen Protestbewegung Fridays for Future Gehör verschafft ("Es geht um ein neues Menschenbild"). Und nicht aus Texten europäischer Denker, sondern aus Texten der US-Dichterin Amanda Gorman sowie des kamerunischen Historikers und Philosophen Achille Mbembe entwickelt die emeritierte Professorin der Universität Konstanz ihre Ethik des Reparierens, der sie eine nachhaltige, heilende Veränderung zuschreibt.

Soll auch heißen: Von der Vergangenheit so zu erzählen, dass die Opfer darin ebenfalls Erwähnung finden. Wird derart etwa die europäische Kolonialgeschichte aufgearbeitet, könnte das gespaltene Europa der Globalisierung nicht nur zwischen Ost und West, sondern auch eine Brücke zwischen Nord und Süd schlagen.

Assmann: "Europa muss eine Frage des Bürgerbewusstseins werden"

Was hält die Sterne Europas, symbolisch als goldener Kreis auf blauem Grund angeordnet, noch zusammen? Auch um diese Frage geht es im anschließenden Gespräch mit Historiker und Moderator Erich Pelzer. "Wir müssen erkennen: Wir sind diese Europäer. Europa muss eine Frage des Bürgerbewusstseins werden", fordert Assmann. Dann könne die Gemeinschaft auch eigene Akzente setzen.

Denn die Vereinigten Staaten, die Assmann bereits 1962/63 kennengelernt hat, als sie dort ein Schuljahr verbrachte ("Amerika verdanke ich meine geistige und kulturelle Initiation"), hätten keine Kraft mehr, eigene Impulse zu setzen. "Die USA sind an einem unglaublich tiefen Krisenpunkt angelangt und derzeit mit sich selbst beschäftigt." Was wohl der Romanist und Literaturwissenschaftler Hans Ulrich Gumbrecht dazu sagen wird, der nächste Woche eine amerikanische Perspektive auf Europa vorstellen möchte?

Zur Person

Aleida Assmann, geboren 1947, hat mit ihren Arbeiten zum kulturellen Gedächtnis den geistes- und kulturwissenschaftlichen Diskurs nachhaltig geprägt. Bis zu ihrer Emeritierung hatte sie an der Universität in Konstanz den Lehrstuhl für englische Literatur und Allgemeine Literaturwissenschaft inne. Für ihre Arbeit wurde Aleida Assmann vielfach ausgezeichnet, darunter 2018 mit dem Friedenspreis des deutschen Buchhandels.

 

 


Christoph Feil

Christoph Feil

Autor

Seit 2015 ist Christoph Feil bei der Heilbronner Stimme. Er arbeitet im Ressort Leben und Freizeit. Darüber hinaus schreibt er für das Thementeam Wissen, hat den aktuellen Buchmarkt im Blick und stellt für das "Interview der Woche" Menschen gerne Fragen.

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