Wie ein FSJ Kultur beim Württembergischen Kammerorchester Heilbronn abläuft

Heilbronn  Lisa-Marie Hartung absolviert seit September ihr Freiwilliges Soziales Jahr Kultur beim WKO Heilbronn. Durch die Corona-Pandemie hat sich einiges an den Abläufen verändert. Was genau? Das haben wir die 18-Jährige aus Halle an der Saale gefragt.

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"Ich hoffe, dass im Sommer wieder einige Konzerte möglich sind", sagt Lisa-Marie Hartung, die seit September 2020 ein FSJ Kultur beim WKO macht.

Foto: Mario Berger

"Es war ein langer Prozess." So beschreibt Lisa-Marie Hartung ihre Suche nach einem Plan, wie es nach dem Abitur weitergehen soll. "Ich wollte nicht direkt studieren, sondern viel lieber ins Ausland. Doch dann kam Corona dazwischen", skizziert die 18-Jährige die durch die Pandemie deutlich eingeschränkten Möglichkeiten.

Lange hadert sie mit dem Gedanken, ihre Heimat, Halle an der Saale, zu verlassen. "Es war meine Komfortzone, die mich aufgehalten hat", sagt Hartung, die sich dann aber doch für ein Freiwilliges Soziales Jahr Kultur entscheidet und sich deutschlandweit bewirbt. Seit September absolviert sie nun ihr FSJ beim Württembergischen Kammerorchester Heilbronn (WKO).

Zu jedem FSJ Kultur gehört ein eigenes Projekt

Wegen Corona und dem damit verbundenen ruhenden Konzertbetrieb arbeitet Lisa-Marie Hartung verstärkt in der Presse- und Öffentlichkeitsarbeit des WKO, hilft beim Auf- und Abbau der CD-Produktionen des Orchesters. "Das ist im Moment die einzige Möglichkeit, die Musiker live spielen zu sehen und zu hören." Statt der Organisation von Live-Konzerten vor Publikum ist der Arbeitsalltag im Moment geprägt von Büroarbeit. "Das ist schade. Ich hoffe, dass im Sommer wieder einige Konzerte möglich sind. Aber das ist ja wie ein Blick in eine Glaskugel", sagt die Abiturientin.

Büroarbeit, das heißt auch mal Bild- und Archivrecherche, beispielsweise für das digitale 60. Jubiläum des WKO in diesem Jahr. Teil des FSJ ist auch immer ein eigenes Projekt, über das Hartung aber noch wenig verraten darf. "Es ist eine Interviewreihe mit verschiedenen Leuten, die mit dem WKO zu tun haben", sagt Hartung über das Vorhaben, das im Mai in der Saisonbroschüre veröffentlicht werden soll.

Die Liebe zur klassischen Musik kam in der Oberstufe

Die Pandemie ist auch der Grund, weshalb Hartung seit Beginn des FSJ nur einmal ihre Familie in Sachsen-Anhalt besuchen konnte. Stattdessen hat sie sich ein "Corona-Hobby" zugelegt und probiert sich auf dem Skateboard aus. "Es klappt immer besser", sagt die 18-Jährige, die in Heilbronn in einer Wohngemeinschaft lebt. "Halle ist eine grüne Stadt mit vielen Parks, und ich bin ein Mensch, der gerne in der Natur ist. In Heilbronn ist es auch schön. Ich war positiv überrascht vom Buga-Gelände, dem Wertwiesenpark und den tollen Weinberge."

Musik spielte in Hartungs Leben erst spät eine Rolle. "Ich bin durch meine Eltern zwar mit AC/DC und Queen aufgewachsen. Ich war aber nie wirklich über die aktuellen Charts und Pop-Trends informiert", sagt die FSJ-lerin. In der Oberstufe entwickelt sie dann ein Faible für klassische Musik: "Sie hat mich durch die Abizeit gebracht."

Einen Zugang zur Klassik? Bekommt man als junger Mensch inzwischen durch das Internet. "Ich habe einige Youtuber gefunden, die sich mit klassischer Musik beschäftigen, und die das cool für junge Leute aufbereiten. Es hat irgendwann einfach Klick gemacht", sagt Hartung. Wer ihr Lieblingskomponist ist? "Das ist schwer zu sagen. Das ist wie die Frage nach dem Lieblingskind", sagt Hartung und schmunzelt. "Zur Zeit höre ich viel Rachmaninow."

Was Lisa-Marie Hartung aus dem FSJ Kultur mitnimmt

Bleibt die Frage, was sie aus ihrem einjährigen Aufenthalt in Heilbronn - das FSJ läuft noch bis September 2021 - mitnimmt. "Viele neue Erfahrungen. Es ist spannend, einfach mal reinzuschnuppern." Auch ihre sozialen Kompetenzen sieht Hartung gestärkt "Ich war als Kind sehr schüchtern. Bei der Arbeit hier hat man viel mit Menschen zu tun, da wird man zwangsläufig ein wenig selbstbewusster und eigenständiger."

Auch im Privatleben sei sie jetzt selbstbestimmter. "Ich lebe zum ersten Mal alleine. Putzen, Kochen, Ämtergänge - über sowas habe ich früher nicht nachgedacht."

Trotz ihres Einblicks in die Kulturbranche will Lisa-Marie Hartung anschließend andere Wege gehen. Nach ihrem Freiwilligen Sozialen Jahr möchte sie Physik oder Ingenieurwissenschaften studieren. Einen genauen Berufswunsch? Den hat sie allerdings noch nicht.

Wie man sich für ein FSJ Kultur bewerben kann

Die Landesvereinigung Kulturelle Jugendbildung Baden-Württemberg bietet als Träger das Freiwillige Soziale Jahr in der Kultur (FSJ Kultur) in Baden-Württemberg an. Das Angebot richtet sich an junge Menschen im Alter von 16 bis 26 Jahren. Das FSJ Kultur beginnt jedes Jahr Anfang September und dauert genau zwölf Monate. Für den Zeitraum bekommen alle Freiwilligen ein monatliches Taschengeld. Bewerbungsstart ist jedes Jahr ab dem 15. Januar. Bewerben kann man sich unter www.lkjbw.de. Das Württembergische Kammerorchester Heilbronn bietet seit der Saison 2018/2019 eine FSJ-Kulturstelle an.


Ranjo Döring

Ranjo Doering

Autor

Ranjo Doering arbeitet seit 2015 bei der Heilbronner Stimme. Nach seinem Volontariat und einem Jahr als Redakteur bei der Hohenloher Zeitung ist er seit 2018 im Kulturressort tätig. Seine Schwerpunkte sind Musik, Film, Theater und Kabarett.

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