Widerständig und "schwäbisch verhockt"

Heilbronn  200 Jahre Ludwig Pfau und weitere Rebellen: Das Heilbronner Literaturhaus plant anlässlich des 200. Geburtstags des Dichters und Revolutionärs eine Tagung im Herbst. Der Tagungsort ist coronabedingt noch unklar.

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Gärtnersohn, Dichter und Revolutionär: Schmuckurne (Detail) von Ludwig Pfau (1821-1894) an der Südseite des Krematoriums in Heilbronn.

Foto: Archiv/Scheffler

Publizist und Revolutionär, Schriftsteller, Kunstkritiker, Exilant in der Schweiz und in Paris, wo er 1852 im "Wartesaal der Revolution", wie die französische Kapitale von Zeitgenossen genannt wird, Heinrich Heine begegnet: Wie radikal ist Ludwig Pfau, der noch zu Lebzeiten zum Ehrenbürger seiner Geburtsstadt Heilbronn ernannt wird?

"Als Schriftsteller ist Pfau weder ästhetisch noch formal radikal", sagt Anton Knittel. Der Leiter des Heilbronner Literaturhauses schreibt anlässlich des 200. Geburtstags Pfaus am 25. August einen Band für die Marbacher Reihe "Spuren", die das Deutsche Literaturarchiv herausgibt. Und er plant eine dreitägige Tagung vom 30. September bis 2. Oktober, der Austragungsort steht noch nicht fest.

"Ein widersprüchlicher Kopf"

"Als Literat war Pfau kein Avantgardist. Politisch war er ein widerständiger, aber auch widersprüchlicher Kopf", erinnert Anton Knittel daran, dass der Preußen-Hasser und Vormärz-Aktivist Pfau sich später in Heilbronn für ein Denkmal für Kaiser Wilhelm I. stark machte.

Als "höchst seltsame Mischung von schwäbischer Verhocktheit und heimatloser Bohème" bezeichnete Theodor Heuss seinen Landsmann. Pfau stand der badischen Opposition nahe, gründete in Stuttgart das Karikaturen- und Satireblatt "Der Eulenspiegel" und wurde wegen Hochverrats in Abwesenheit zu 21 Jahren Haft verurteilt. Dazu passt, dass die nach Ludwig Pfau benannte Straße heute auf die Heilbronner Justizvollzugsanstalt zuführt. 1879 saß Pfau in seiner Geburtsstadt im Gefängnis, nachdem er wiederholt die Preußen verbal attackiert hatte. Die Haftbedingungen für das "rothe Pfaule" indes waren komfortabel, seine Zelle wohnlich eingerichtet.

Rasch langweilt ihn das Gärtnervolontariat

"Umbruchszeiten sind immer spannend", erklärt Anton Knittel das bewegte Leben des Sohns von Gärtner Philipp Pfau, das die Dynamik, aber auch die Widersprüche des 19. Jahrhunderts widerspiegelt. Gegen den Wunsch der Eltern, in Tübingen Theologie zu studieren, entscheidet sich der Sohn nach dem Gymnasium für eine Lehre in der elterlichen Gärtnerei und wechselt 1839 als Volontär in eine Gärtnerei nach Corbeilles, was ihn rasch langweilt. Er zieht nach Paris, beschäftigt sich mit Kunst und Literatur und lebt vom Porträtieren.

Auch das folgende Philosophiestudium in Tübingen ist von kurzer Dauer. Politische Radikalisierung, Aufruf zum Sturz der Monarchie, Haftbefehl wegen Hochverrats, Flucht und Exil: Nach einer Amnestie kehrt Ludwig Pfau 1863 nach Stuttgart zurück. Der Mitbegründer der Volkspartei muss sich wegen "Obrigkeitsschelte" immer wieder vor Gericht verantworten. Am 12. April 1894 stirbt Pfau in Stuttgart, in Heilbronn wird er beigesetzt.

"Badisches Wiegenlied" und andere politische Zeitgedichte

Was bleibt vom Verfasser politischer Zeitgedichte wie "Badisches Wiegenlied", "Auswanderer" und "Herr Biedermeier", der sich selbst "ambulanten Scriblifax" und "Kind des Volkes" nannte? Aus heutiger Sicht erscheinen Knittel die Liebes- und Sinngedichte, Sonette und Balladen, Satiren und Polemiken, Zeitungsartikel und Verteidigungsreden, Kunstkritiken, Korrespondenzen und Essays "etwas eklektisch" - also zerstückelt und zusammengesetzt aus verschiedenen Stilelementen. "Aus seiner Zeit betrachtet, war er ein eigenständiger Kopf."

"Heilbronn", sagt Anton Knittel, hat noch ganz andere Rebellen. Etwa den Aussteiger und Feuerkopf Wilhelm Waiblinger (1804-1830), der offen gegen das Tübinger Establishment opponiert und dessen kurzes, skandalträchtiges Leben im Land seiner Sehnsucht, in Italien endet. Auf dem protestantischen Friedhof in Rom liegt das Enfant terrible der schwäbischen Dichterfamilie begraben: der Anti-Mörike.

Ist Heilbronn ein besonderes Pflaster?

Die Radikalität eines weiteren aus Heilbronn stammenden Autors, die von Ernst Siegfried Steffen (1936-1970), trägt kriminelle Züge. Der Gedichtband "Lebenslänglich auf Raten" (1969) und die 1971 postum erschienene "Rattenjagd. Aufzeichnungen aus dem Zuchthaus" machten Steffen zu einem der bekanntesten Gefängnisschriftsteller deutscher Gegenwartsliteratur. Ist Heilbronn ein besonderes Pflaster für Revolutionäre? Immerhin fand 1848 hier das berühmte Turnfest statt und zählte Adolf Cluss zum inneren Zirkel der Kommunisten um Karl Marx und Friedrich Engels, bevor er ab 1864 der Architekt Washingtons wurde. "Zu heute wage ich nichts zu sagen", schmunzelt Anton Knittel.

Anlässlich des 200. Geburtstags von Ludwig Pfau plant das Literaturhaus Heilbronn unter dem Titel "Revolutionsliteratur im deutschen Südwesten" eine Tagung vom 30. September bis 2. Oktober mit Experten und Hochschulprofessoren. Satire im Vormärz, Kunst und Staat, Pfau und die französische Literatur, Literatur und Turnen im Vormärz, Politische Lyrik im Vormärz, Journalisten als Literaten - Literaten als Journalisten, die 48er-Jahre in Heilbronn und in Württemberg sind Themen. Eine Publikation ist geplant.

 

 


Claudia Ihlefeld

Claudia Ihlefeld

Autorin

Seit ihrem Volontariat bei der Heilbronner Stimme 1991 schreibt Claudia Ihlefeld überwiegend über regionale Kultur und Kulturpolitik, aber auch über nationale und internationale Kulturereignisse.

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