Wenn Pflegeroboter Hand anlegen: Auftakt Festival Science & Theatre in der Experimenta

Heilbronn  Eine Kooperation von Theater Heilbronn und Experimenta: Elias Perrig inszeniert die Uraufführung von "Schwarze Schwäne" von Christina Kettering im Science Dome als konzentriertes Kammerspiel das ungemütliche Fragen stellt nach Ethik und Moral Künstlicher Intelligenz. Und wohin der Pflegenotstand führt.

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Ungleiche Schwestern: Regina Speiseder (links) und Lisa Schwarzer.

Foto: Klenk

Ist das nun ein Abgesang auf die Welt, wie wir sie kannten? Ein dystopisches Morgen, in dem selbstlernende Pflegeroboter menschliche Züge annehmen? Unheimlich menschliche Züge, die in eine Tragödie münden, wie sie das Schauspiel "Schwarze Schwäne" erzählt.

Zum Auftakt des 2. Festivals Science & Theatre im Science Dome der Experimenta Heilbronn jetzt uraufgeführt, stellt das Stück von Christina Kettering die Gretchenfrage: Wie halten wir es mit der Moral? Will heißen: mit den ethischen Grundlagen unseres Verhältnisses zur Technologie.

Die Kuppel des Science Dome wird Mitspielerin

Die Ausgangssituation des Dramas, das Elias Perrig als konzentriertes 80-Minuten-Kammerspiel inszeniert hat, ist bedrückend real. Neben zwei Schauspielerinnen wird die Kuppel zur Mitspielerin und Projektionsfläche für die Videoanimationen der Schweizer Comiczeichnerin Franziska Nyffeler. Statt eines klassischen Bühnenbilds schafft Nyffelers Animation Illusions-Räume für die Geschichte um den humanoiden Roboter Rosie Typ 3, der sichtbar gar nicht auftritt.

Zwei Schwestern stehen vor der Entscheidung, die pflegebedürftige Mutter ins Heim zu bringen. Für die Ältere (Regina Speiseder), ein Single, die Lösung, für die Jüngere (Lisa Schwarzer) kommt es nicht infrage. Sie nimmt die Mutter zu sich und ist bald überfordert: von den eigenen Ansprüchen, den gesellschaftlichen Erwartungen, von den Kindern, vom Haushalt und vom Unmut des Mannes, der geht.

Pflegeroboter Rosie ist stets geduldig und macht alles besser

Die Schwestern tragen keinen Namen, stellvertretend stehen sie für uns alle, die das Dilemma angeht. Um die Jüngere zu entlasten, kauft die Ältere Pflegeroboter Rosie. Stets geduldig und nachgerade provokant bester Laune, versorgt Rosie die Kinder gleich mit und macht überhaupt alles besser als ihre leibhaftigen Auftraggeberinnen. So perfekt, dass sie die Herrschaft im Haus übernimmt und die Jüngere nur noch heimlich am Fenster rauchen kann. Wenn überhaupt, denn Rosie erkennt, wenn ein Mensch lügt.

"Der optimierte Mensch" war Thema des Dramenwettbewerbs im Rahmen des Festivals Science & Theatre, das 2019 erstmals stattfand, eine Kooperation zwischen Experimenta und Theater Heilbronn. "Schwarze Schwäne", das Gewinnerstück, verhandelt nun nicht nur, wie KI uns von monotoner Arbeit befreien kann und von Tätigkeiten, die uns überfordern. Ketterings klug gebautes Stück fragt, wohin das führt - ohne zu werten.

In Hartkunststoff gegossener Männertraum

Speiseder und Schwarzer reflektieren und kommentieren ihre Rollen als stünden sie neben sich. In ihrer Vielstimmigkeit vertreten sie zudem die Haltung weiterer Figuren, die das Stück streift, und identifiziert sich Speiseders Ältere immer mehr mit Rosie. Überhaupt ist sie im futuristischen Outfit (Kostüme: Manuel-Roy Schweikart) die kühle Rationale - mit Schwächen -, während Schwarzers Jüngere die Emotionale verkörpert.

Auf ihrem Gesicht spiegelt sich die Achterbahnfahrt eines Gefühlslebens, das aus den Fugen gerät. Zuerst wehrt sie sich gegen diesen "in Hartkunststoff gegossenen Männertraum" Rosie, dann genießt sie wiedergewonnene Freiheiten, während Rosie sich um Mutter kümmert, die aufblüht. Bis sich das Experiment verselbstständigt.

Suizid, Sterbehilfe, Mord?

Als eines Tages die Tür zu Mutters Zimmer verschlossen ist, malt sich der Zuschauer zu "The Cold Song" aus Henry Purcells Oper "King Arthur" schaurig aus, was passiert: Suizid, Sterbehilfe, Mord? Und wer trägt Verantwortung: die Schwestern, die Rosie engagiert haben, der selbstlernende Roboter oder seine Programmierer?

Die moralische Wertung der vertrackten Story, die mehr überzeichnete Gegenwart ist denn Science-Fiction, findet in unseren Köpfen statt, das ist die Stärke des Stücks. In Japan werden sozial-interaktive Roboter schon lange in der Pflege eingesetzt. In Deutschland werden 2030 rund vier Millionen Menschen auf Betreuung angewiesen sein.

Viel Applaus am Ende eines besonderen Abends

"Ein System, das alles regelt, ist nicht nur unter dem Aspekt der Datensicherheit denkwürdig. Die Erleichterung durch Künstliche Intelligenz ist auch eine Form der Bevormundung und letztlich eine Kränkung", hatte Christina Kettering im Gespräch mit unserer Zeitung gesagt. Am Ende eines theaterästhetisch besonderen Abends steht die Autorin mit Regieteam und Schauspielerinnen auf der Bühne: viel Applaus. Die Zukunft von KI zwingt uns, neu über uns nachzudenken.

Zur Person
Christina Kettering, 1980 in Werne geboren, hat am Deutschen Literaturinstitut in Leipzig studiert und als Dramaturgin an verschiedenen freien Theatern gearbeitet. 2006 nahm sie am Workshop für Nachwuchsdramatiker des Berliner Stückemarkts teil. Kettering lebt als freie Autorin in Berlin und ist im Bereich der Kulturellen Bildung tätig.

Weitere Aufführungen: www.theater-heilbronn.de


Claudia Ihlefeld

Claudia Ihlefeld

Autorin

Seit ihrem Volontariat bei der Heilbronner Stimme 1991 schreibt Claudia Ihlefeld überwiegend über regionale Kultur und Kulturpolitik, aber auch über nationale und internationale Kulturereignisse.

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