Wenn Jupiter vom Olymp steigt: Kleists "Amphitryon" am Theater Heilbronn

Heilbronn  Jasper Brandis inszeniert "Amphitryon" von Heinrich von Kleist als so komisches wie unheimliches Spiel mit Identitäten: Premiere ist am Freitag und am Samstag im Großen Haus des Stadttheaters.

Email

"Die gemeinsame Schnittmenge von Jura und Theater ist der Versuch der Präzision: Man hat einen Inhalt, der ist maximal chaotisch, nämlich das Leben": Regisseur Jasper Brandis interessiert sich für die Zerrissenheit von Kleists Figuren.

Foto: Andreas Veigel

Wie klug und nah Kleist an der Zerrissenheit seiner "angekratzten" Figuren ist, das macht den Dichter für Jasper Brandis so zeitlos interessant. Dass durch alle Kleist-Figuren ein tiefer Riss geht, war wohl, was Goethe abstieß, mutmaßt der Regisseur, der nun Heinrich von Kleists "Amphitryon" am Heilbronner Theater inszeniert.

"Wenige deutsche klassische Stücke sind so komisch", sagt Brandis. Aber auch, dass er neben der Komik und den Abgründen, die zu jeder Komik gehören, das Unheimliche dieses Lustspiels herausarbeiten möchte. Über das berühmte "Ach" der Alkmene am Ende wurden ganze Doktorarbeiten geschrieben. Ein verzweifelt ratloser Ausruf, der es Alkmene eigentlich unmöglich macht, weiterzuleben. Sie ist für Brandis die tragischste Figur des Stücks, nicht der titelgebende Amphitryon, Alkmenes Mann.

 

Ein liebestoller Göttervater

Ihm setzt Göttervater Jupiter zwar die Hörner auf, indem er Amphitryons Gestalt annimmt, um Alkmene erfolgreich zu verführen. Doch sie, die Frau zwischen den beiden Männern, die einander gleichen wie ein Tropfen Wasser dem anderen, soll entscheiden, welcher von beiden der wahre Amphitryon ist. Ein übles Spiel mit Identitäten, das die schöne Frau zur Verzweiflung treibt, was Jupiter nicht im geringsten rührt, der, um mit ihr zu schlafen, vom Olymp herabgestiegen ist. Und der selbst dann das Verwirrspiel und Verwechslungsdrama noch vorantreibt, als Amphitryon aus dem Krieg zurückkehrt.

Eifersucht, Zweifel, Scham: Was für Alkmene und den echten Amphitryon bittere Gefühlskapriolen sind, ist für den Zuschauer ein aberwitziges Vergnügen. Wenngleich man sich nicht wirklich vorstellen mag, wie es ist, wenn ein anderer behauptet, er sei man selbst - und man keine Chance hat, die eigene Identität zu beweisen. Als würde einem ein Fremdverbrechen in die Schuhe geschoben.

 

Die psychologische Ergründung des Ichs

Die Ergründung des Ichs, was es wert ist, zu glauben, wer man sei, ist die Schraube, an der Heinrich von Kleist weiter dreht in seinem Stück aus dem Jahr 1807, das allerdings erst 1899 am Neuen Theater Berlin uraufgeführt wird.

Kleist erweitert den mythologischen Stoff, den Molière 1668 bearbeitet hat, um diese existenzielle Dimension. "Kleist entwickelt Komik aus dem Aufeinandertreffen psychologischer Zustände", sagt Japser Brandis. Und, dass sich diese Komik bei Kleist aus der Sprache entwickelt. "Kleist hat die Psychologie in den Rhythmus der Sprache gelegt."

Ins Unbewusste der Figuren vordringen

"Wie Alkmene allmählich den Boden unter ihren Füßen verliert, wenn sie nicht mehr weiß, in welchen Armen sie lag und wem sie glauben soll, da verlässt Kleist den burlesken Commedia dell"Arte-Rahmen", erklärt Jasper Brandis, der seine Inszenierung mit Musik von Vivaldi und Händel untermalt, um in das Unbewusste der Figuren vorzudringen. Warum Musik des Barock? "Weil das Dräuende, das Kriechende im Barock das Unheimliche dieser Geschichte transportiert." Die Bühne von Dieter Richter und die Kostüme von Karen Simon tauchen dazu Brandis" "Amphitryon"-Interpretation in eine, wie er sagt, "visuelle Opernästhetik".

 

Sein abgeschlossenes Jurastudium sieht Jasper Brandis als keinen Widerspruch zur Theaterwelt. Da gibt es durchaus Parallelen für den Mann, der neben der deutschen die amerikanische Staatsbürgerschaft besitzt. "Die gemeinsame Schnittmenge ist der Versuch der Präzision: Man hat einen Inhalt, der ist maximal chaotisch, nämlich das Leben. Jura wie Theater sind der hilflose Versuch, der Welt eine Ordnung zu verleihen", sagt Brandis, der im Bronx Hospital in New York geboren wurde, wo sein Vater als Arzt tätig war.

Drei Monate später kehrt die Familie nach Deutschland zurück. Aufgewachsen in Hannover, Marburg und Freiburg, zieht Brandis nach dem Abitur zum Studium nach Hamburg. "Weil der Norden meiner Mentalität entspricht."

"Amphitryon"

Lustspiel von Heinrich von Kleist nach Molière, Premiere A: Freitag, 19.30 Uhr, Großes Haus, Theater Heilbronn, Premiere B: Samstag, 19.30 Uhr.

Regie: Jasper Brandis

Bühne: Dieter Richter

Kostüme: Karen Simon

Mit Stefan Eichberg, Lion Leuker, Arlen Konietz, Oliver Firit, Regina Speiseder, Romy Klötzel.

Zur Person:
Jasper Brandis, 1971 in New York geboren, wuchs in Deutschland auf und studierte Jura in Hamburg. 1993 übernahm er eine Hauptrolle im ZDF-Fernsehspiel "ausserirdische" von Florian Gärtner. Als Regieassistent am Deutschen Schauspielhaus arbeitete er mit Matthias Hartmann, Hans Kresnik, Jossi Wieler und Luk Perceval. Seit Ende 1999 war er als freier Regisseur in Deutschland, Italien und Belgien tätig. Seit der Spielzeit 2018/2019 ist er Schauspieldirektor am Theater Ulm. In Heilbronn hat Brandis, der in Ulm und in Berlin lebt, "Die Tagebücher von Adam und Eva", "Der kleine Horrorladen" sowie "Charleys Tante" inszeniert.


Claudia Ihlefeld

Claudia Ihlefeld

Autorin

Seit ihrem Volontariat bei der Heilbronner Stimme 1991 schreibt Claudia Ihlefeld überwiegend über regionale Kultur und Kulturpolitik, aber auch über nationale und internationale Kulturereignisse.

Kommentar hinzufügen