Wenn die Gegenwart aus dem Ruder läuft am Stuttgarter Schauspiel

Stuttgart  Der ungarische Regisseur Viktor Bodó inszeniert "Der Würgeengel" nach dem surrealistischen Filmklassiker von Luis Buñuel als eine Art Splattermovie - was trotz brillantem Ensemble mit der Zeit auf die Nerven geht.

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Was passiert, wenn ein europäisches Gipfeltreffen aus dem Ruder läuft? Am Stuttgarter Schauspiel schließt das brillant agierende Ensemble den surrealistischen Filmklassiker "Der Würgeengel" mit der Gegenwart kurz.

Foto: Thomas Aurin

Dass eine geschlossene Gesellschaft eine gefährliche Dynamik entwickelt, ist gerade jetzt während der Pandemie zu beobachten. Spannungen und Aggressionen in Familien und zwischen sozialen Gruppen nehmen zu, Hysterie kommt auf, Verschwörungstheorien machen die Runde.

Soziologisch nachvollziehbar, ist dieses Muster zudem ein Topos der Literatur. Ob in Jean Paul Sartres "Geschlossene Gesellschaft", William Goldings "Herr der Fliegen" oder im surrealistischen Filmklassiker "Der Würgeengel" von Luis Buñuel: Die Konfrontation mit sich selbst kann der Mensch schwer ertragen, schwelende Konflikte brechen auf, es kommt zu Gewalt, zum Verlust unserer Zivilisation. Am Stuttgarter Schauspiel hat nun Viktor Bodó seine Version von "Der Würgeengel" inszeniert und Buñuels klaustrophobisches Meisterwerk in Manier eines Splattermovies gegen den Strich gebürstet.

Schrilles, europäisches Gipfeltreffen

"Buñuel erzählt den Prototyp eines Lockdowns herrlich geistreich, absurd und poetisch, mit sarkastischem Humor", sagt der ungarische Regisseur im Interview. Und dreht die Schraube weiter. Bodó zeichnet Buñuels Abendgesellschaft als schrilles europäisches Gipfeltreffen, das außer Kontrolle gerät, als eine Mischung aus "Das große Fressen" und "Salò oder die 120 Tage von Sodom" mit Anleihen aus "Eyes Wide Shut" und "La Boum - die Fete". Großes Theater also mit einem brillanten Ensemble, doch was zunächst intelligent unterhält, geht einem zunehmend auf die Nerven, die Zuckungen und Slapsticks, der robotergleiche Rückwärts-Sprech und der orgiastische Rap.

Dabei ist das alles präzise inszeniert, geht Bodó souverän mit den coronabedingten Aufführungsbedingungen um und präsentiert als Vorspann ein charmantes Vorspiel. Die Schauspieler treten durch eine Sicherheitsschleuse auf die Bühne, nach der Erkennung der individuellen Augen-Iris erscheint ihr Name samt Rolle, die sie spielen, auf dem riesengroßen Monitor im Hintergrund. Bodós Tischgesellschaft versammelt sich nicht wie bei Buñuel auf Einladung von Edmund Nobile in dessen Villa. Nobile, in Stuttgart irritiert-blasiert gespielt von Michael Stiller, ist ein Politiker, der die europäischen Kollegen zur Krisensitzung zusammenruft. Ihm zur Seite sitzt als Uschi-von-der-Leyen-Verschnitt Gattin Lucia Nobile (Sylvana Krappatsch), die in den kommenden 90 Minuten komplett die Fassung verlieren wird und, derangiert wie die anderen elf, ein Kleidungsstück nach dem anderen fallen lässt.

Nächste Vorstellungen:
www.schauspiel-stuttgart.de

Eine babylonische Sprachverirrung

Doch werden, bevor der eigentliche Buñuel losgeht, die Gipfeldiplomatie parodiert und die hohlen Phrasen der Krisenmanager demaskiert, samt Desinfektionsspray und Ellbogengruß. Der Crisis Conference Commission am kreisrunden Konferenztisch mit Dolmetscherkabine im Hintergrund werden Angela Merkel zugeschaltet, Vladimir Putin, Nordkoreas Diktator und der englische Premier - mit allen technischen Tücken einer Videoschalte: eine babylonische Sprachverwirrung bis zum großen Knall, der alle Uhren stillstehen lässt. Jetzt nach dem Filmriss wird vom wahren Kampf aller gegen alle erzählt.

Keiner kann den Raum verlassen, aus unerklärlichen Gründen. Eine undefinierbar lange Zeit harren sie aus. Ohne Essen, ohne sanitäre Anlagen. Während das bedrohlich Neue Buñuels Personen lähmt, kippt die Lethargie bei Bodó in wilden Aktionismus. Hau drauf statt subtiler Horror.

Hemmungsloser Showdown

Das ist schön verstörend und verzahnt Buñuels Versuchsanordnung mit der Gegenwart, verliert aber an Reiz, wenn sich zum Sounddesign von Gábor Keresztes und den Kompositionen von Klaus von Heydenaber der europäische Krisengipfel in ein Irrenhaus verwandelt. Auch wenn uns Europas Dissens irre erscheint: Der hemmungslose Showdown würgt das eigentliche, klaustrophobische Setting ab. Schließlich das offene Ende: Alle verlassen das Schlachtfeld durch einen schmalen Gang auf die Hinterbühne, nichts hält sie auf.

Was bleibt, sind einige starke Bilder, surreale Szenen und Dialoge - und viel Applaus für das Produktionsteam, das mit Gesichtsmasken zurückkehrt. An kaum einem anderen Ort außerhalb der eigenen vier Wände dürfte man sich dank des strikten Hygienkonzepts sicherer fühlen als in unseren Theatern.

 

Zur Person

Der Regisseur: Viktor Bodó, geboren 1978 in Budapest, gründete 2008 seine eigene Theatergruppe Szputnyik Shipping Company. Als freier Regisseur arbeitet er immer wieder erfolgreich im deutschsprachigen Raum, unter anderem am Schauspiel Köln, Schauspielhaus Hamburg, Volkstheater Wien, Schauspielhaus Zürich und am Deutschen Theater Berlin.
Seine Inszenierung von Peter Handkes "Die Stunde da wir nichts voneinander wußten" am Schauspiel Graz wurde zum Berliner Theatertreffen 2010 eingeladen. Bodós Inszenierung "Der Revisor" von Nikolai Gogol am Vig Theater Budapest zählte in der Saison 2013/14 zu den wenigen Aufführungen, die sich unverhüllt mit der politischen Realität Ungarns auseinandersetzten. Bodó arbeitet mit grotesken Überzeichnungen. 2016 erhielt er den Europe Prize Theatrical Realities der Union des Théâtres de l"Europe.


Claudia Ihlefeld

Claudia Ihlefeld

Autorin

Seit ihrem Volontariat bei der Heilbronner Stimme 1991 schreibt Claudia Ihlefeld überwiegend über regionale Kultur und Kulturpolitik, aber auch über nationale und internationale Kulturereignisse.

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