Was uns Hans Fallada zu sagen hat

Heilbronn  Hannes Rittig glänzt mit One-Man-Show in der Heilbronner Boxx@Night mit szenischer Lesung aus dem multiperspektivisch erzählten Roman "Der eiserne Gustav".

Von Michaela Adick
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In einer szenischen Lesung führte Hannes Rittig in der Boxx@Night (Corona Edition) in den Roman "Der eiserne Gustav" von Hans Fallada ein.

Foto: Ralf Seidel

Ein Stundenhotel in einer heruntergekommenen Berliner Seitenstraße, eine heikle Situation. Und mitten drin in diesem Tohuwabohu: Gustav. Der redliche, sture, pflichtbewusste Gustav. Genannt, nicht ohne Hintersinn, der eiserne Gustav. Doch nichts an diesem Gustav ist mehr eisern, weiß er doch seine Tochter in der Hand eines Zuhälters. Er verhandelt, bittet, bettelt. Nicht mit dem gerissenen Luden. Sondern mit seiner Eva. "Det ick "ne Tochter haben würde, dir mir sacht, ins Jesicht sacht, sie is lieber im Puff beim Luden als bei Vatern un Muttern - det hab ick nich jejlaubt!" Der eiserne Gustav ist geschlagen. Ob er sich je wieder erholen wird?

Berlinern wie ein Weltmeister

Wie ein Weltmeister berlinert Hannes Rittig in der Boxx@Night (Corona Edition): Es ist eine dieser Wendepunkte im multiperspektivisch erzählten Roman "Der eiserne Gustav" (1938) Hans Falladas (1893-1947), den Rittig für seine an- wie aufregende szenische Lesung ausgewählt hat. Getreu dem Motto, dass man an den Wendepunkten die Stärken eines Romans erkennen soll. Etwa wenn, wie in dieser schmierigen Absteige, die Kernfamilie und damit die Ordnung gesprengt wird. Wenn Worte gesagt werden, die nicht mehr zurückgenommen, wenn Verletzungen entstehen, die nicht mehr geheilt werden können.

Beiläufig wie nebenbei gibt Hannes Rittig in dieser desolaten, zugespitzten Situation den drei Charakteren Gestalt. Gustav, dergänzlich durch die wilhelminische Ordnung geprägt ist und sich um Kopf und Kragen redet. Eva, die mehr vom Leben will und die falschen Entscheidungen trifft. Zuhälter Eugen, der Macht- und Gewaltmensch in all" seiner Gerissenheit. Ein Kriecher vor dem Herrn. Aber verdammt schlau.

800-seitiger Schmöker

Neun Textstellen hat Hannes Rittig aus dem 800-seitigen Schmöker ausgewählt, die pars pro toto einen Eindruck vermitteln über den ausgehenden Wilhelminismus, die allgegenwärtige Kriegsbegeisterung 1914 ("Weihnachten sind wir wieder daheim") und die vielen disruptiven Momente nach dem Ersten Weltkrieg. Und genau hier wird der Roman "Der eiserne Gustav" interessant, der so viel mehr zu bieten hat als die aus Film- und Fernsehen bekannte Droschkenfahrt Gustav Hackedahls nach Paris. Mögen die Bilder von Heinz Rühmann und Gustav Knuth auch ins kollektive Gedächtnis eingegangen sein, Hans Falladas "eiserner Gustav" hat uns so viel mehr zu erzählen.

In der szenischen Lesung von Hannes Rittig, der verflixt geschickt mit dem Tempo und seinem Stimmvolumen spielt, lernen wir einen verletzlichen Gustav kennen, dessen Probleme uns allen vertrauter erscheinen dürften, als uns wirklich lieb sein kann. Erkennen wir in ihm nicht unser aller Leidensgenossen? Wie wir lebt auch Gustav in disruptiven Zeiten, auch ihm werden gesellschaftliche und wirtschaftliche Anpassungen abverlangt, die er, so sehr er sich auch abstrampelt, nicht erfüllen kann.

Auf verlorenem Posten

Längst steht er auf verlorenem Posten, unser Gustav Hackedahl, der ein Droschkenunternehmen führt und sich zum Gespött seiner Kollegen macht. Zwei Droschken besitzt er - noch. Wie stand er einst da, der stolze Droschkenunternehmer, seufzen sie, seufzt Hannes Rittig, der seinen kleinen Szenen einen ganz eigenwilligen Flow verpasst. Jetzt ist er am Boden. Der Erste Weltkrieg ist verloren, das Unternehmen liegt danieder.

Dem Auto gehört die Zukunft. Was Gustav nicht realisieren will oder kann. In zehn Jahren, ist er sich sicher, da spricht keiner mehr von den Töfftöffs, den Benzinstinkern. "Dann ist die Mode vorbei." Doch davor will er es noch einmal wissen, geht auf große Fahrt von Berlin nach Paris. Da hatte Lindbergh bereits mit seinem Flugzeug den Atlantik überquert. Gustav hat keine Chance, doch er nutzt sie.

Buchtipp

Die Urfassung des Romans "Der eiserne Gustav" von Hans Fallada wurde in denvergangenen Jahren rekonstruiert und ist im Aufbau Verlag Berlin erschienen. 832 Seiten, 26 Euro.


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