Warum das Schlagerduo Die Amigos so erfolgreich ist

Interview  Hierzulande sind sie inzwischen erfolgreicher als die Beatles, im Mai nächstes Jahr kommen sie nach Heilbronn: Die Amigos sind ein musikalisches Phänomen. Mit dem Freiburger Kulturwissenschaftler Michael Fischer haben wir darüber gesprochen.

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Die Amigos feiern inzwischen ihr zwölftes Nummer-eins-Album. Foto: imago-images

Erfolgreicher als die Beatles: Mit dieser Schlagzeile machten Bernd und Karl-Heinz Ulrich vergangene Tage in den Medien auf sich aufmerksam. Der Grund: Das als Die Amigos bekannte Duo eroberte mit seinem neuen Album zum zwölften Mal die deutschen Albumcharts - und übertraf damit hierzulande die berühmten Pilzköpfe aus Liverpool. Im Oktober hätten die Amigos in der Heilbronner Harmonie auftreten sollen, der Termin wurde coronabedingt auf Mai 2021 verschoben. Mit Michael Fischer, Geschäftsführender Direktor des Zentrums für Populäre Kultur und Musik in Freiburg, haben wir über das Musikphänomen aus Hessen gesprochen.

Herr Fischer, wie erklären Sie sich den Erfolg der Amigos?

Michael Fischer: Die Amigos schaffen es, mit einfachen Liedern, einfacher Musik und einer einfachen Performance viele Menschen einer bestimmten sozialen Schicht anzusprechen.

 

Nämlich welcher?

Fischer: In der Soziologie spricht man vom Harmoniemilieu. Das ist nicht abwertend gemeint. Das sind Menschen, die oft einfache Berufe, eine einfache Ausbildung und einfache ästhetische Bedürfnisse haben. Diese Menschen suchen Harmonie, und wenn sie diese gefunden haben, sind sie glücklich. Die Amigos-Brüder verkörpern dies schon als Personen. Bernd war Bierbrauer, Karl-Heinz Lkw-Fahrer. In diesem Sinne wirken sie für ihre Zielgruppe authentisch. Das sind keine Stars, zu denen man aufschaut, das sind Stars, die wie Kumpels sind.

Was für eine Rolle spielt dabei die Sehnsucht nach einer heilen Welt, nach Heimat?

Fischer: Eine große. Aber ich denke, das spielt in allen Musikrichtungen eine Rolle. Nur weil von Traumwelten gesungen wird, ist ein Genre noch nicht angreifbar. Um es zuzuspitzen: Die h-Moll-Messe von Bach besingt auch eine Utopie, nämlich den Himmel, Religion oder Gott. Und auch in Brahms-Liedern kann man Heimat oder Trost finden. Deshalb glaube ich, dass die menschlichen Bedürfnisse eines Klassik- und eines Schlager-Fans gar nicht so verschieden sind - aber die Mittel ihrer Erfüllung schon.

 

Wie würden Sie die Musik der Amigos definieren?

Fischer: Das ist eine Mischung aus volkstümlicher Musik und deutscher Schlagermusik. Und weil den beiden Brüdern die Tanzbarkeit wichtig ist, geht es auch in den Bereich Disco und Partystimmungshit hinein. Das, was man vom Ballermann kennt: Micky Krause und so. Solche Mischprodukte scheinen mir typisch für den Schlager der Gegenwart zu sein.

 

Haben Sie dafür weitere Beispiele?

Fischer: Helene Fischer. Sie ist vielleicht in einem "gehobeneren" künstlerischen Bereich zu verorten - mit ihrer beeindruckenden Performance, ihrer Akrobatik, ihrem Gesang. Aber man kann sich durchaus auch bei ihr fragen: Ist das noch Schlager? Ist das schon Deutschpop? In den letzten zehn Jahren beobachten wir die Vermischung der unterschiedlichen Genres. Sie verändern sich mit der Zeit und mit den Hörerinnen und Hörern, die andere musikalische Vorlieben entwickeln.

 

Fans dieser Musik, die heute der Generation 50plus angehören, haben früher vielleicht selbst mal die Beatles oder die Rolling Stones gehört.

Fischer: Ja. Inwiefern sich Musikgeschmack wandelt, ist eine interessante Frage. Der Tendenz nach ist es so, dass durch alle sozialen Schichten hindurch der Musikgeschmack mit dem Alter eher konservativer wird. Also selbst die aufgeschlossenen Klassikhörer sind mit 70 oder 80 nicht mehr so offen für Neue Musik, wie sie das mal mit 30 waren. Man neigt mit zunehmendem Lebensalter zu Musik, die unkomplizierter ist, weniger widerständig, weniger provozierend.

 

Schlagermusik ist heutzutage durchaus auch ironisch. Siehe die schillernden Auftritte von Dieter Thomas Kuhn. Gilt das auch für volkstümliche Musik?

Fischer: Das glaube ich nicht. Bastian Pastewka und Anke Engelke haben zwar mal eine ganz herrliche Parodie gemacht, aber die richtete sich ja nicht an die Fans der volkstümlichen Musik. Wenn Sie sich zurückerinnern an die großen Shows der 80er und 90er wie das Musikantenstadl: Die nahmen sich selbst so ernst, schon in der Inszenierung, das kann man gar nicht so richtig brechen. Demgegenüber war der Schlager immer offener im Spiel mit Ernst und Unernst.

 

Zur Person
1968 wird Michael Fischer in Heidelberg geboren. In Freiburg und Mainz studiert er Geschichte und Theologie. Er promoviert in Literaturwissenschaft und Kirchengeschichte. Seit 2014 ist Michael Fischer Geschäftsführender Direktor des Zentrums für Populäre Kultur und Musik in Freiburg. Zu seinen Forschungsschwerpunkten zählen etwa das Thema Medien und Musik, die historische Liedforschung und nationale Sinnstiftungen durch Musik.


Christoph Feil

Christoph Feil

Autor

Seit 2015 ist Christoph Feil bei der Heilbronner Stimme. Er arbeitet im Ressort Leben und Freizeit. Darüber hinaus schreibt er für das Thementeam Wissen, hat den aktuellen Buchmarkt im Blick und stellt für das "Interview der Woche" Menschen gerne Fragen.

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