Unheimlich ähnlich: Der Mensch und sein Double in der Boxx des Heilbronner Theaters

Heilbronn  Im Rahmen des Festivals Science & Theatre ist mit "Unheimliches Tal/Uncanny Valley" eine Produktion von Rimini Protokoll zu erleben, in der sich Autor Thomas Melle mit einer Maschine unterhält, der er seinen Text, sein Äußeres und die Stimme leiht.

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Wem gilt der Schlussapplaus: dem abwesenden Menschen oder seinem Double?

Foto: Gabriela Neeb

Wenn die Grenze zwischen dem Original und seiner Kopie verwischt, wird es spannend. Ist der Mensch noch die Krone der Schöpfung? Oder eine Ansammlung ehemaliger Amöben in Konkurrenz mit flexiblen Maschinenwesen? Das Wort Transhumanismus klingt verführerisch: jene Denkrichtung, die die Schranken menschlicher Möglichkeiten - intellektuell, physisch oder psychisch - durch technologische Verfahren durchbrechen will.

Sind in Deutschland Roboter meist Arbeitsmaschinen, die uns kaum gleichen, werden in Asien humanoide Roboter längst eingesetzt. In der Pflege, als Sexarbeiter. Uncanny Valley nennen Roboterforscher die unheimliche Ähnlichkeit zwischen Mensch und Maschine.

 

Ein Stück ohne Schauspieler

Um diese Art Akzeptanzlücke geht es in "Unheimliches Tal/Uncanny Valley" vom Theater Label Rimini Protokoll, einer Produktion der Münchner Kammerspiele. In der Boxx des Heilbronner Theaters war dieses Stück ohne Schauspieler im Rahmen des Festivals Science & Theatre nun gleich zwei Mal zu sehen. 2018 uraufgeführt, ist "Unheimliches Tal" ein gefragter Festivalbeitrag, kommende Wochen etwa in Taiphe, danach in Wien.

Auf der Bühne in der Boxx sitzt Thomas Melle, das heißt, einer, der aussieht wie Melle. Eine fast perfekte Kopie, der Melle Text, Körperproportionen und Stimme leiht. Fast perfekt, denn nach 20 Minuten unterbricht das wahre Leben die Vorführung.

 

Ein charmanter Hinweis

Dachte der Zuschauer zuerst, dies sei Teil des Regie-Konzepts, dass es dem Melle-Double die Sprache verschlägt und er nun stumm das Gesicht verzieht und Arme und Beine windet, ist bald klar: Hier liegt eine technische Störung vor, nachdem uns die Maschine gerade noch in diese Lecture-Performance eingeführt und von ihren, sprich Melles, manischen Schüben erzählt hat. Und den depressiven Phasen, die folgen. Das Publikum wird höflich ins Foyer gebeten - ein charmanter Hinweis, dass die Technik doch noch von Menschen bedient wird.

Nach der Zwangspause läuft alles rund: ein eindringlicher Abend, der viel von Thomas Melle preisgibt, der unter einer bipolaren Störung leidet. Eine existenzphilosophische Versuchsanordnung mit Querverweisen, mit Witz und Ironie, bei der Text, Bild, Illusion, Konzentration und Tiefsinn ineinandergreifen.

Kann man seinen Körper nach außen verlagern

Der Autor von "Die Welt im Rücken" hat das Konzept mit Stefan Kaegi von Rimini Protokoll erarbeitet, Kaegi führt Regie. Die Grundidee: klären, ob man seinen Körper nach außen verlagern kann. So wie Melle bereits seinen Geist nach außen verlagert, indem er Texte schreibt.

Möglichkeiten und Grenzen dieser Auslagerung werden in den nächsten 80 Minuten diskutiert. Auf der Leinwand erscheint Melle als Schulkind, als junger Mann, im Gespräch mit einem KI-Forscher, im Selbstversuch, wie ihm eine Totenmaske angepasst wird, wie aus Servomotoren und Silikon sein neuer Körper zusammengesetzt wird. Daneben sitzt breitbeinig im Sessel das animatronische Double, der den wirklichen Thomas Melle beobachtet, der aus der Bildkonserve zu uns spricht und anmerkt, er könne ja, wenn er wolle, den Stecker ziehen.

Alles nicht so einfach mit der Krone der Schöpfung

Gilt der Schlussapplaus dem Mensch Melle oder der Maschine? Dem Konzept? Den Technikern am Pult? "Wenn Sie jetzt gleich klatschen, tun Sie das für sich. Und folgen einer alten Programmierung", tönt die Stimme aus der Melle-Puppe. Zuvor hat sie uns auf eine andere Programmierung hingewiesen: Dass wir leibliche Zuschauer uns ihr sicher überlegen fühlen und meinen, wir könnten jederzeit gehen. Es aber nicht tun werden - weil wir in einer Kulturveranstaltung sind. Alles nicht so einfach mit der Krone der Schöpfung.

Zur Person: Rimini Protokoll, ein international aktives Theater Label, erweitert seit seiner Gründung 2000 in verschiedenen Konstellationen unter diesem Namen die Mittel des Theaters. Mit dem Schriftsteller, Dramatiker und Übersetzer Thomas Melle entstand "Unheimliches Tal", in dem ein humanoider Roboter über Identität und Repräsentation reflektiert.


Claudia Ihlefeld

Claudia Ihlefeld

Autorin

Seit ihrem Volontariat bei der Heilbronner Stimme 1991 schreibt Claudia Ihlefeld überwiegend über regionale Kultur und Kulturpolitik, aber auch über nationale und internationale Kulturereignisse.

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