Ulla Coulin-Riegger liest aus ihrem Erstlingsroman "Mutters Puppenspiel"

Heilbronn  Die Stuttgarter Psychologin Coulin-Riegger erzählt aus ihrer Praxis und warum sich erwachsene Töchter nur schwer aus den Fängen einer zarzisstischen Mutter lösen: Im Rahmen der Literaturhaus-Reihe "Debüt am See" stellt sie ihren ersten Roman vor.

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"Glauben Sie, dass Sie in einer fürsorglichen Umgebung aufgewachsen sind?": Ulla Coulin-Riegger las im Trappensee-Restaurant aus ihrem Erstling.

Foto: Ekkehart Nupnau

Die erste Beziehung ist die zu den Eltern. Ob sie glückt, ist entscheidend. Ulla Coulin-Riegger hat sich mit den weniger geglückten Fällen professionell beschäftigt. Bis vor kurzem führte sie eine Praxis als Verhaltenstherapeutin und leitete systemische Familienaufstellungen.

Nun ist die Diplom-Psychologin aus Stuttgart unter die Schriftsteller gegangen, ihr im März erschienener Roman "Mutters Puppenspiel" (Verlag Klöpfer, Narr, 173 Seiten, 22 Euro) liegt bereits in 3. Auflage vor.

Kurzfristig eingesprungen

Den schmalen Band über eine toxische Mutter-Tochter-Beziehung hat Coulin-Riegger am Sonntag im Nebenraum des Trappensee-Restaurants vorgestellt, der guten Stube des Heilbronner Literaturhauses im Schlösschen, das immer noch nicht wirklich fertig ist und wo coronabedingt auch keine 50 Besucher unterkämen.

Kurzfristig für Dominik Barta eingesprungen, der wegen der Quarantäne-Bestimmung nicht aus Wien einreisen durfte, liest und plaudert eine temperamentvolle 70-Jährige in der Literaturhaus-Reihe "Debüt am See", ein Veranstaltungszyklus, der in diesem Herbst Autoren und deren Erstlinge vorstellt. "Mutters Puppenspiel" war zunächst für die Fortsetzung im nächsten Jahr vorgesehen.

Mit Rudi Schurickes schaurigem Ohrwurm "Glaube mir, glaube mir, meine ganze Liebe gab ich Dir" vom Band stimmt Ulla Coulin-Riegger auf das Thema ein und richtet noch eine rhetorische Frage ans Publikum. "Glauben Sie, dass Sie in einer fürsorglichen, liebevollen Umgebung aufgewachsen sind?" Ihre Romanheldin Lisette ist es nicht. Lisettes großbürgerliches Elternhaus, vor allem aber die narzisstische Mutter mit ihren Ansprüchen haben es der einzigen Tochter unmöglich gemacht, sich zu einer selbstständigen Persönlichkeit zu entwickeln. Soweit das Setting.

Chronik einer angekündigten Katastrophe

Ulla Coulin-Riegger weiß, wovon sie erzählt, sie kennt die Schicksale erwachsener Töchter, aber auch Söhne, die in pathologischer Abhängigkeit um die Liebe der Eltern buhlen. Aus der Perspektive der Ich-Erzählerin Lisette entwickelt sich die Chronik einer angekündigten Katastrophe. Oder wie soll man es nennen, wenn die 38-jährige Tochter, eine erfolgreiche HNO-Ärztin, während der sonntäglichen Besuche bei der Mutter in die Rolle des Kleinkindes fällt? Das mütterliche Schmollen, ihre übergriffige Art schüchtern Lisette noch als Erwachsene ein. Obwohl die Tochter das Spiel durchschaut, bringt sie die Kraft nicht auf, zu widersprechen, sich vom Urteil der Mutter zu lösen. Wie eine Marionette hängt sie an den Fäden, die die Mutter spinnt.

Eine eindimensionale Lesart

Fiktion oder Fallbeispiele aus ihrer Praxis? "Mutters Puppenspiel" ist beides. Ulla Coulin-Riegger liest mit durchdringender Stimme, unterstreicht ihre Worte mimisch und gestisch. Den Einwurf von Literaturhausleiter Anton Knittel, ihn habe bei der Lektüre das Gefühl gepackt, Lisette schütteln zu müssen, damit sie sich befreie aus den Fängen der Übermutter, lässt die Autorin nicht gelten. Coulin-Riegger gesteht ihrer Figur zunächst nicht zu, nein zu sagen. Sie zeichnet Lisette als Opfer.

Einige im Publikum nicken zustimmend, für andere ist diese Lesart schlicht eindimensional. Schade, dass es nach einer Stunde keine Diskussion mehr gibt, dafür gleich Bücher signiert werden.


Claudia Ihlefeld

Claudia Ihlefeld

Autorin

Seit ihrem Volontariat bei der Heilbronner Stimme 1991 schreibt Claudia Ihlefeld überwiegend über regionale Kultur und Kulturpolitik, aber auch über nationale und internationale Kulturereignisse.

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