Tragikomischer Kampf gegen das Verschwinden

Heilbronn  Das Gastspiel "Ich bin nicht Rappaport" der Hamburger Kammerspiele mit Pierre Sanoussi-Bliss und Sewan Latchinian hat am Donnertag Premiere im Heilbronner Komödienhaus. Zwölf Mal ist das bittersüße Drama um zwei alte Männer bis 25. Oktober zu sehen.

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Abstand halten im Foyer des Theaters und auf der Bühne: Pierre Sanoussi-Bliss (links) und Sewan Latchinian spielen bis 25. Oktober im Komödienhaus.

Foto: Ralf Seidel

Wenn sich zwei alte Menschen dagegen wehren, aufs Abstellgleis geschoben zu werden, geht es mitunter zur Sache. Zumal US-Autor Herb Gardner mit dem weißen Juden Nat und dem schwarzen Midge zwei Bühnenfiguren geschaffen hat, die auf den ersten Blick nicht unterschiedlicher sein könnten und doch gemeinsam nicht nur gegen das Alter, sondern den Rassismus im Alltag kämpfen.

"I'm Not Rappaport", so das Original, erhielt 1986 mit dem Tony Award den wichtigsten amerikanischen Theaterpreis, kam dann auf deutschsprachige Bühnen und wurde 1996 mit Walter Matthau und Ossie Davis verfilmt. Als Gastspiel der Hamburger Kammerspiele hat "Ich bin nicht Rappaport" heute Abend Premiere im Heilbronner Komödienhaus: in der Regie von Sewan Latchinian, der auch auf der Bühne steht, und mit Pierre Sanoussi-Bliss, der Fernsehzuschauern noch aus der Krimiserie "Der Alte" ein Begriff ist und Theaterfreunden als Götz der Spielzeit 2019 in Jagsthausen.

Nur wenige Szenen werden verändert

Den "Götz von Berlichingen" im letzten Sommer übrigens hatte ebenso Latchinian inszeniert. Jetzt schlüpft er mehr oder minder kurzfristig in die Rolle des Nat. Peter Bause, der die Rolle sonst spielt, steht im Berliner Schillertheater mit Didi Hallervorden auf der Bühne in einer coronabedingt verschobenen Premiere. Apropos Corona: Die "Ich bin nicht Rappaport"-Premiere in Hamburg lief dort vor einem Jahr. Musste die Produktion aufgrund der AHA-Regeln, der Abstands- und Sicherheitsvorkehrungen, geändert werden? "Kaum", sagt Sewan Latchinian. "Nur wenige Szenen, in denen zu nah gespielt wird."

Herb Gardners bittersüße Komödie ist ein Stück über Einsamkeit und Sehnsucht nach Gemeinsamkeit, bei dem geschmunzelt werden darf, bringt Latchinian die Handlung auf den Punkt. "Ich bin ein wenig aufgeregt", bekennt der Regisseur entwaffnend offen. Vor zwei Jahren stand er das letzte Mal mit anderen auf der Bühne. Genügt der Mime Latchinian den Ansprüchen des Regisseurs Latchinian? "Ich glaube schon", schmunzelt er über die Zwittersituation.

"Ich bin nicht Rappaport"
Komödie von Herb Gardner
Premiere, Donnerstag, 20 Uhr, Komödienhaus Heilbronn, bis 25. Oktober

Regie: Sewan Latchinian
Mit Sewan Latchinian, Pierre Sanoussi-Bliss, Stephan Möller-Titel, Andrea Lüdke, Daniela Dalvai.

"Das hat mit Zivilcourage zu tun und mit Haltung"

Die Story: Ein Nachmittag in einer Ecke des Central Parks. Midge, ein alter Schwarzer, möchte in Ruhe Zeitung lesen, während Nat pausenlos auf ihn einredet. Nat ist offensiv, mischt sich ein. Midge hält sich lieber raus, ist defensiv. "Ich bringe die Leute dazu, mich zu sehen", sagt Nat an einer Stelle. Und fordert das auch von Midge, der sich den Blicken der Menschen lieber entzieht, dabei das Bedürfnis hat, gebraucht zu werden.

Nat, umreißt Latchinian die Figur, "tritt listig für die gute Sache ein und lässt sich seine Utopien nicht nehmen." "Das hat mit Zivilcourage zu tun und mit Haltung." Nats Tochter möchte den Vater in ein Heim stecken, der nimmt sein Leben selbst in die Hand und erbettelt sich am Hintereingang des Plaza-Hotels die Brötchen vom Vortag.

Midge wiegt sich als Hausmeister eines der schicken Appartementbauten am Central Park in Sicherheit und erfährt doch just an diesem Nachmittag, dass er seinen Job und die Wohnung verlieren soll. Die Eigentümergesellschaft will ihn mit einer Abfindung von sechs Wochenlöhnen abspeisen und in ein Heim für einkommensschwache Senioren umquartieren.

Berührend komisches Drama

Das ruft den kämpferischen Nat auf den Plan. Nat stellt sich dem Vorstand des Mieterkomitees als Anwalt vor, der seinen Mandanten Midge im Auftrag der Unabhängigen Menschenunterstützungstruppe zu Recht verhelfen wird. Autor Gardner übrigens wurde tatsächlich im Central Park zu seinem berührend komischen Drama um zwei Alte inspiriert, von zwei greisen Männern, die sich regelmäßig auf einer Bank trafen, um zu diskutieren.

"Beide blühen auf, als sie ausgemustert werden sollen", sagt Sanoussi-Bliss. "Es ist ein Kampf gegen das Verschwinden", so Latchinian. Ob die beiden Männer, einer Jahrgang 1962, der andere 1961, das auch schon erfahren haben, wie es ist, unsichtbar zu werden? "Noch nicht." Zwölf Mal spielen sie in Heilbronn nun diese Tragikomödie. Von einem Filmdreh vor dem Rathaus für den "Götz" im letzten Jahr kennen sie die Stadt ein bisschen.

Während Pierre Sanoussi-Bliss die spielfreie Zeit dazu nutzen wird, an seinen Memoiren weiter zu schreiben, will Sewan Latchinian spazieren gehen. "Nicht, weil ich ein so großer Spaziergänger bin, sondern, weil die Gegend dazu einlädt."

Zur Person

1962 in Ost-Berlin geboren, studierte Pierre Sanoussi-Bliss an der Hochschule für Schauspielkunst Ernst Busch. Von 1987 bis 1990 Engagement am Staatsschauspiel Dresden. Er spielte unter anderem in der preisgekrönten Kinokomödie "Keiner liebt mich" (1994) von Doris Dörrie. Bundesweit bekannt wurde er als Kriminalkommissar in "Der Alte". Pierre Sanoussi-Bliss schreibt Drehbücher und führt Regie. Mit seinem Mann wohnt er in Berlin.

1961 in Leipzig geboren, studierte Sewan Latchinian an der Hochschule für Schauspielkunst Ernst Busch. Der Regisseur, Schauspieler und Dramatiker hat unter anderem mit Frank Castorf und Thomas Langhoff gearbeitet und ist Mitbegründer der Baracke des Deutschen Theaters Berlin. Latchinian spielte in Film- und TV-Produktionen, war Intendant in Senftenberg und Rostock und ist Künstlerischer Leiter der Hamburger Kammerspiele.

 

 


Claudia Ihlefeld

Claudia Ihlefeld

Autorin

Seit ihrem Volontariat bei der Heilbronner Stimme 1991 schreibt Claudia Ihlefeld überwiegend über regionale Kultur und Kulturpolitik, aber auch über nationale und internationale Kulturereignisse.

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