Tanz in Corona-Zeiten: Expertin Karin Kirchhoff im Interview

Heilbronn  Zwölf Mal kuratierte Karin Kirchhoff das Festival "Tanz! Heilbronn", das wie 2020 in diesem Jahr nicht stattfinden wird. Warum die internationale Vernetzung für sie so wesentlich ist, erzählt die Tanzexpertin im Gespräch.

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Kollegiale Festivalkuratorin: Jedes Jahr bei "Tanz! Heilbronn" spendierte Karin Kirchhoff allen Abteilungen frische Erdbeeren. Hier ist die Technik an der Reihe.

Foto: Silke Zschäckel

Als Expertin für den zeitgenössischen Tanz weiß sie, wie wichtig es ist, vernetzt zu sein. Karin Kirchhoff hat für verschiedene Institutionen und Compagnien gearbeitet, zwölf Mal hat sie das Festival "Tanz! Heilbronn" kuratiert. Jetzt arbeitet sie für die Kulturstiftung des Bundes. Über die internationale Ausrichtung des Tanzes und neue Ausdrucksformen in pandemischen Zeiten haben wir uns mit Kirchhoff unterhalten. 

 

Die deutsche Tanzszene ist international ausgerichtet. Wie funktioniert Kommunikation in diesen Zeiten?

Karin Kirchhoff: Die internationale Vernetzung ist für den Tanz wesentlich. Tanzschaffende arbeiten oft sprachungebunden, produzieren und touren weltweit, vergleichbar mit dem Musikbetrieb, anders als das Sprechtheater. Im Moment findet der Austausch auch nur über Videokonferenzen statt. Das hat zwar den Vorteil, dass mehr daran teilnehmen, auch jene, die nicht so viel reisen können. Aber wir müssen uns bald wieder in die Augen schauen und Tanz live auf der Bühne sehen, wenn wir neue Produktionen kennenlernen und planen wollen. Abgesehen davon, dass die Compagnien und Solokünstler zu einem nicht geringen Teil vom Touring leben.

 

Der Tanz mit dem Virus: Wie kann er aussehen?

Kirchhoff: Künstler suchen immer nach neuen Ausdrucksformen. Nun basiert Tanz auf Körperlichkeit und Kontakt. Choreographen werden auf Distanz choreographieren. Inhaltlich wird damit unweigerlich eine Gesellschaft auf Abstand thematisiert, das gibt die aktuelle Lebenssituation vor. 2020 wurde so wenig veröffentlicht, dass man schwer von Entwicklungen sprechen kann. Dieses Jahr war eine solche Zäsur.

 

Große Compagnien und Staatstheater bieten Live-Streams an.

Kirchhoff: Große Häuser und Compagnien, Sie sagen es. Für gutes Streaming bedarf es eines erstklassigen Schnitts und einer perfekten Bildregie. Und das kostet. Aber auch bei diesen neuen Formaten sieht man, was dem Publikum fehlt: der direkte Kontakt. Es bleibt nur zu hoffen, dass sich die Politik ihrer Verantwortung bewusst ist und künftig den Tanz im Kleinen wie im Großen weiter finanziell unterstützt.

 

Das noch von Ihnen für Mai 2020 kuratierte Festival "Tanz! Heilbronn" ist ins Wasser gefallen, ein Festival für 2021 ist erst gar nicht geplant.

Kirchhoff: Das tut mir in der Seele weh. Ist aber nicht zu ändern. Umso dankbarer und gerne denke ich an die elf Festivals, die stattgefunden haben: eine sehr schöne und lohnenswerte Aufgabe, für ein so tanzbegeistertes Publikum zu arbeiten und mit einem Theater, das mich immer voll unterstützt hat.

 

Jetzt arbeiten Sie für die Kulturstiftung des Bundes. Ein krisensicherer Job als der einer freien Kuratorin. Was steckt hinter dem Programm Tanzland, für das Sie nun die Ansprechpartnerin sind?

Kirchhoff: Tanzland ist ein Förderprogramm der Kulturstiftung des Bundes. Tanz soll auch jenseits der Metropolen zu sehen sein: die Arbeit der über 60 Ensembles der Staats- und Stadttheater, aber auch die Arbeit freier Compagnien. Bei den Gastspielkooperationen spielen Vermittlungsformate für das Publikum eine besondere Rolle.

 

Zur Person

1964 in Münster geboren, Buchhändlerlehre, Studium der Germanistik, Sprachwissenschaft, Kunstgeschichte, seit 1996 freie Produktionsleiterin und Dramaturgin unter anderem für die Berliner Festspiele, Tanzfabrik Berlin und Jo Fabian. Von 2008 bis 2020 kuratierte Karin Kirchhoff "Tanz! Heilbronn" und arbeitet jetzt für die Kulturstiftung des Bundes. Kirchhoff lebt in Berlin.

Lassen Sie uns noch einmal über Ihr Engagement für "Tanz! Heilbronn" sprechen. Wie schwierig ist es, renommierte Compagnien für ein Festival zu gewinnen in einer Stadt, deren Name den Tänzern kein Begriff ist.

Kirchhoff: Das Theater Heilbronn hat ja tatsächlich schon seit langem einen guten Ruf in Sachen Tanz. Beim Publikum wie bei den Künstlern. Mit "Tanz! Heilbronn" haben wir diesen Ruf in der Tanzszene gefestigt. Die Künstler erwarten gute Betreuung, eine hochprofessionelle technische Mannschaft und ein offenes Publikum. Das spricht sich dann herum. Schwierig ist es, aufwendige Produktionen zu engagieren, die mehrere Tage Aufbauzeit brauchen und mehr als nur zwei Vorstellungen gespielt werden sollten. Das ist im Rahmen eines fünftägigen Festivals nicht zu leisten. Für junge Künstler, die erstmals ein Stück in Deutschland präsentieren, kann ein Festival wie "Tanz! Heilbronn" indes Karrieresprungbrett werden.

 

Was fasziniert Sie an Tanz und Performance? Oder darf es auch einmal das klassische Ballett sein?

Kirchhoff: Meine Vorliebe liegt beim zeitgenössischen Tanz, wegen der Themen und Ausdrucksformen, die ich abwechslungsreicher finde als die rein klassische Formensprache. Zeitgenössischer Tanz ist politischer, er geschieht nie im luftleeren Raum. Er fasziniert mich durch seine Interaktion mit anderen Techniken und Medien wie der bildenden Kunst, Video, Medienkunst, der Arbeit mit Text. Er ist inhaltlich anspruchsvoller. Wenn ich mir ein "Dornröschen" ansehe, dann als Bearbeitung. Historische Aufführungen interessieren mich weniger.

 


Claudia Ihlefeld

Claudia Ihlefeld

Autorin

Seit ihrem Volontariat bei der Heilbronner Stimme 1991 schreibt Claudia Ihlefeld überwiegend über regionale Kultur und Kulturpolitik, aber auch über nationale und internationale Kulturereignisse.

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