Tango Sí! begeistert in Baukelter in Weinsberg

Weinsberg  Über eine Reise durch die Welt des Tangos und eine virtuose Hommage an den Tango-Komponisten Piazolla.

Von Astrid Link
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Eine Reise durch die Welt des argentinischen Tangos: (von links) Christiane Holzenbecher, Sarah Umiger, Karin Eckstein, Winfried Holzenkamp, Israel Vázquez.

Foto: Astrid Link

Anfeindungen, Kritik und sogar Morddrohungen lösten die Kompositionen Astor Piazollas (1921-1992) bei seinen Landsleuten in Buenos Aires aus, weil er einen in ihren Augen unverzeihlichen Fauxpas beging: Er drückte dem traditionellen Tango Argentino seinen unverkennbaren Notenstempel auf. Piazollas "Tango Nuevo" ist nicht mehr im klassischen Sinne tanzbar, sondern lädt zum Zuhören ein. Die Essenz mit den wesentlichen Tango-Grundharmonien behielt er zwar bei, erweiterte sie jedoch mit Elementen des Jazz, der Musik Igor Strawinskys und Belá Bartóks und in den frühen 1970er Jahren auch mit der Popkultur.

Brennglas für die Emotionen

Piazollas Kompositionen wirken wie ein Brennglas für alle Emotionen, die vor allem durch das Bandoneon eine tragende Rolle bekommen. Unglaublich, welche tonalen Facetten aus diesem komplexen Handzuginstrument strömen, wenn es zwischen den Händen einer versierten Musikerin wie Karin Eckstein zum Leben erweckt wird. Ihre Mitspielenden Christiane Holzenbecher (Violine), Sarah Umiger (Piano), Winfried Holzenkamp (Kontrabass) und der Mexikaner Israel Vázquez (Gitarre) komplettieren das brillante Quintett "Tango Sí!", das mit seinem neuen Programm "100 Jahre Piazolla" den Geburtstag des musikalischen Grenzgängers feiert. Die launige Moderation von Christiane Holzenbecher und Karin Eckstein begleitet den virtuosen Parforce-Ritt durch die neue Tango-Welt in der Weinsberger Baukelter.

"Concierto Para Quinteto" beeindruckt mit seiner instrumentalen Dramaturgie von sehnsüchtig bis rasant. Spielerisch tanzen die Finger von Sarah Umiger bei "El Desbande" über die Tasten, bevor Winfried Holzenkamps Kontrabass die blumige Melodie brummend auffängt. Die originale Piazolla-Besetzung als Quintett wird immer wieder aufgebrochen, variiert zwischen Quartett, Trio und Duo. "Jeder Musiker ist auch das Ergebnis seines Umfelds und kann sich hier entsprechend einbringen", erklärt Eckstein. Das melancholisch-freudige "Revirado" löst Assoziationen von zwei Liebenden mit schmetterlingsleichten Gefühlen aus.

Sanfter Dialog

"Aire de la Zamba Niña" ist ein pulsierend-sanfter Dialog zwischen Piano und Violine, mit folkloristischen Akzenten des argentinischen Samba, nicht vergleichbar mit dem populären brasilianischen Tanzstil. Kontrabass und Bandoneon haben ihren ausdrucksstarken Auftritt mit "Mi Buenos Aires Querido", einer Art Nationalhymne der argentinischen Hauptstadt, komponiert von Tango-Legende Carlos Gardel, einem Freund der Familie Piazolla, dem Astor mit neun Jahren begegnete. Schon damals schwärmte er für Jazz und die Musik Bachs und ließ sich von Gardels klassischem Tango nicht beeinflussen.

Im verhaltenen Walzertakt widmet sich das Ensemble dem spanischen Komponisten Vicente Romeo und seinem "Un placer". Die Melodie löst zwar leichte Tanzambitionen aus, ist jedoch kein typischer Walzer, sondern eher eine Bühne für die grandiose Spielkunst der klassisch ausgebildeten Musiker, die unter anderem Erfahrungen in Buenos Aires, Paris und London sammelten und in verschiedenen national und international besetzten Formationen spielen. Zu den Tango-Meistern zählt auch Julián Plaza, der dem Quintett mit seiner "Nocturna" eine wunderbare Projektionsfläche für eine sogenannte "Milonga" bietet. Der Begriff bezeichnet sowohl das typische Tanzfest für den argentinischen Tango, als auch seinen volkstümlich ausgerichteten Tanzstil. Die Darbietung von Tango Sí! unterstreicht deren Leidenschaft für dieses Genre einmal mehr und löst beim Publikum wahre Begeisterungsstürme aus.

Plattform

Die Dominanz des 142-tönigen Bandoneos, das von dem Krefelder Band erfunden wurde und auf Umwegen nach Argentinien fand, ist bei Ramiro Gallos "Caballo Solo" deutlich zu hören. Piazollas "Libertango" bereitet dem Gitarrenspiel von Vázquez eine ideale Plattform.


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