SWR-Premiere im Heilbronner Open-Air-Kino

Heilbronn  Heiter, aber auch nachdenklich - so lässt sich die Open-Air-Preview der neuen SWR-Serie "Der letzte Wille" am Freitagabend in der Genossenschaftskellerei in Heilbronn zusammenfassen.

Von Astrid Link
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Kurzes Gespräch zu später Stunde: Ulrike Grote (li.) und Joachim Raaf plaudern mit Moderatorin Stephanie Haiber über die neue Serie.

Foto: Astrid Link

Reger Betrieb herrscht am frühen Morgen zwischen Treppenhaus und Speisesaal. Laute Rufe und Begrüßungen sind zu hören, während Frühstück serviert und die Toilette repariert wird, die Tablettenausgabe erfolgt, Marmelade auf einer Weste und Kaffee auf dem Tischtuch landet, nach dem Hörgerät gefahndet und auf einen Neuankömmling gewartet wird.

Normaler Alltagswahnsinn in der Villa September, einem Seniorenheim mitten im Schwäbischen, das wie die Bewohner in die Jahre gekommen ist und in dem das gestresste Personal täglich mit technischen und menschlichen Tücken sowie der finanziellen Schieflage kämpft.

Premiere in Heilbronn

Jede Menge Potenzial für die neue SWR-Serie "Der letzte Wille", deren erste zwei Folgen im fast ausverkauften Open-Air-Kino in der Genossenschaftskellerei viel Heiterkeit, aber auch Nachdenklichkeit auslösen. Dass die einzige Premierenvorstellung in Heilbronn stattfindet, ist dem Drehort zu verdanken. Von Mai bis Juli 2019 hatte sich die denkmalgeschützte Villa Fuchs in der Jägerhausstraße 104 zum Hotspot für die Filmaufnahmen verwandelt, aus denen das Team um Autorin und Regisseurin Ulrike Grote einen jeweils 45 Minuten langen Sechsteiler mit aktueller Thematik kreierte.

In der Altersresidenz Villa September mangelt es an vielem, der Umgangston ist rau, zu meckern gibt es ständig etwas, aber irgendwie rauft man sich mangels Alternative zusammen. Als die nette Besitzerin Dagmar Winkelmann (Ulrike Barthruff) plötzlich stirbt, wird es richtig ungemütlich.

Durchdachte Schikane

Janna Striebeck spielt als erbende Nichte Ella Fernandez die neue Leiterin, die nicht nur Probleme mit dem Dialekt hat, sondern auch mit Einzelzimmern (Verschwendung), frischen Lebensmitteln (zu teuer) und täglichem Duschen (die Alten riechen eh nichts). Ihre Schikanen sind durchdacht, denn sie erbt die Villa nur mit den Bewohnern, kann das marode Gebäude also erst verkaufen, wenn alle mehr oder weniger freiwillig ausgezogen sind. Für einen plötzlichen Tod zu sorgen, dazu fehlt ihr dann doch die Kaltblütigkeit.

Eigenwillige Charaktere

Allerlei skurrile, aber liebenswerte Gestalten sind dabei, zu denen die renommierte, aber demente Künstlerin Marlene (Katharina Matz) zählt, die die Villa erst für ein Hotel, dann für ein Krankenhaus hält. Görge (Joachim Raaf), Hausmeister und "Mann für alle Fälle", kümmert sich liebevoll um die alte Dame und die anderen Bewohner, zu denen mit Christian Pätzold (Heinrich), Sabine Hahn (Käthe) und Karoline Eichhorn als ruppig-dominante Oberschwester Gudrun bekannte Darsteller aus Grotes erfolgreicher SWR-Serie "Die Kirche bleibt im Dorf" (2012-2017) gehören.

Auch in "Der letzte Wille" stehen die eigenwilligen Charaktere, der schwäbisch-knitze Menschenschlag und ein humoriger Wortwitz mit schonungslosen Wahrheiten im Mittelpunkt der Handlung, in der sich alles um ein würdiges Leben in der ehemals prachtvollen Villa dreht.

Talk im Anschluss

Ulrike Grote hat zurzeit häufig mit älteren Menschen und deren Problemen zu tun, wie sie im anschließenden Filmtalk mit SWR-Moderatorin Stephanie Haiber und Joachim Raaf erzählt. Der Situations- und Sprachwitz sei bei diesem Thema eher leise, aber dennoch humorvoll. "Wenn einem das Lachen verloren ginge, wäre das eine Katastrophe", meint die Regisseurin. Das findet auch Joachim Raaf, dem die Dreharbeiten viel Spaß machten. "Schwaben und Nicht-Schwaben haben sich gut ergänzt", sagt der gebürtige Heilbronner.

"Die Preview macht neugierig, wie es weitergeht. Das ist eine gute Mischung aus Humor und berührenden Momenten", lobt Andreas Kröneck, dem Mundart-Filme besonders liegen. Der älteren Generation bleibt das Lachen bei einigen Szenen eher im Halse stecken. "Wenn man manche Situationen in der Familie erlebt hat, trifft einen das eben", sagt ein älterer Herr, der sich die Serie trotzdem ansehen will. Angeregte Gespräche unter nächtlichem Sternenhimmel zeigen: "Der letzte Wille" erheitert, lässt aber niemanden unberührt.


Ab 2. Oktober zu sehen

Ulrike Grote, geboren am 8. Juli 1963 in Bremen, wuchs in Pforzheim auf und lebt in Hamburg. Sie arbeitet als Schauspielerin, Sprecherin, Drehbuchautorin und Regisseurin. Mit der Produzentin Ilona Schultz gründete sie 2006 die Firma Fortune Cookie Filmproduction, in der sie eigene Filmprojekte entwickelt. "Der letzte Wille" entstand im Auftrag des SWR. Ausgestrahlt werden die Folgen am 2., 3. und 4. Oktober, jeweils ab 20.15 Uhr im SWR. Ab 25. September ist die komplette Serie in der ARD-Mediathek zu sehen.


 

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