Stuttgarter Ballett meldet sich nach dem Lockdown zurück

Stuttgart  Auf dem Boden der Tatsachen und auf Abstand: Die Compagnie tanzt noch einmal drei Uraufführungen, bevor sie in die Sommerpause geht: Über eine fulminante Premiere von "Response I" im Opernhaus Stuttgart - ein Stück, das ab Oktober wieder auf dem Spielplan steht.

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"Everybody needs some/body": Paula Rezende, David Moore.

Foto: Stuttgarter Ballett

Drei Uraufführungen und drei markante Solo-Partien aus dem Repertoire: Das Stuttgarter Ballett ist die einzige große Compagnie, die vor der Sommerpause mit einer Premiere auf die Bühne zurückgekehrt ist.

"Response I" ist die Antwort auf eine unübersichtliche Zeit, die Künstlern noch mehr Kreativität abverlangt und der sie kontern: mit Fantasie und Flexibilität, mit Disziplin und Humor. Ein berührendes und intelligentes, coronataugliches Programm, das bei Tänzern wie Publikum Emotionen hervorruft, mit einem augenscheinlich top trainierten und hochmotivierten Ensemble.

Übertragung auf den Canstatter Kulturwasen

Drei Mal wurde "Response I" am Wochenende getanzt und die Premiere am Samstag im Opernhaus vor 248 Besuchern für knapp 3000 Tanzfans via Satellit auf den Canstatter Kulturwasen übertragen. Ab Oktober steht "Response I" wieder auf dem Spielplan, wechselnd kombiniert mit Stücken, die den dann geltenden Bestimmungen genügen.

Alles auf Abstand: Hinreißende Formationen auf großer Bühne lassen fast vergessen, warum es so leer ist um einen im Zuschauerraum. Paare, die in einem Haushalt wohnen, dürfen zusammentanzen. Die Musik wird live gespielt, in kleiner Besetzung. Auch der fulminante Abschluss nach knapp zwei Stunden, Maurice Béjarts "Boléro" zu Ravels gleichnamigem Ohrwurm, den Friedemann Vogel atemberaubend souverän tanzt, ist eine Corona-Version: mit acht statt 38 Tänzern um den kreisrunden, roten Tisch. Der Applaus fällt umso frenetischer aus.

Technisch brillant und immer individuell

Im Zentrum des Ballettabends stehen die Uraufführungen von Louis Stiens, Fabio Adorisio und Roman Novitzky. Alle drei sind sie Tänzer-Choreographen, verlangen den Tänzerkollegen technisch Brillantes ab und zeichnen sich durch ihre jeweils individuelle Handschrift aus.

In "Petals" für zwei Tänzerinnen und zwei Tänzer zu Klavier-Sonaten von Scarlatti variiert Stiens minimalistische Soli, Mann-Frau- und Mann-Mann-Pas-de-deux, integriert zwei schwarze Stühle und changierendes Licht, während die Tänzer eindringliche Bilder schaffen, mit flachen Füßen auf dem Boden der Tatsachen, mit tiefen Ausfallschritten, abgewinkelten Sprüngen und akrobatischen Flows.

"Am Ende blieben mir nur die leeren Hände" wird Adorisio im Programmheft zitiert, sein "Empty hands" zu Bryce Dessners "Lacrimae" für Streichorchester und Solo-Violine gerät zur eindringlich fließenden Bewegungsstudie, verstörend schön mit grandios sperrigen Momenten aus dem Modern Dance.

Neoklassisch verspielt und zeitgenössisch kokett

"Everybody needs some/body" von Novitzky darf man getrost programmatisch verstehen. Zu Vivaldis "Winter" und "Frühling" aus "Die vier Jahreszeiten", neukomponiert von Max Richter, entwickeln drei Tänzerinnen und drei Tänzer eine Dynamik. Neoklassisch verspielt und zeitgenössisch kokett, lösen sich unterschiedliche Formationen kontinuierlich neu und werden mit virtuosen Soli kontrastiert.


Claudia Ihlefeld

Claudia Ihlefeld

Autorin

Seit ihrem Volontariat bei der Heilbronner Stimme 1991 schreibt Claudia Ihlefeld überwiegend über regionale Kultur und Kulturpolitik, aber auch über nationale und internationale Kulturereignisse.

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