"Soundtrack meiner Kindheit": Jan Josef Liefers liest aus seiner Autobiografie

Künzelsau  Wie ist es nun gewesen, im Osten? Diese Frage will Jan Josef Liefers auf sehr persönliche Art und Weise mit seiner Autobiografie beantworten. Am Donnerstag las der Schauspieler im Carmen-Würth-Forum aus "Soundtrack meiner Kindheit".

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Mit 45 Jahren, so sollte man meinen, hat man eben erst die Hälfte seines Lebens hinter sich gelassen. Bestenfalls kommt da noch einiges. Sich jetzt also schon hinsetzen und eine Autobiografie schreiben? Der Schauspieler, Regisseur und Musiker Jan Josef Liefers hat das 2009 mit 45 Jahren jedenfalls gemacht. Und zwar weil er damals ein Problem hatte, wie er am Donnerstagabend bei seiner Lesung im Carmen-Würth-Forum in Künzelsau-Gaisbach dem Publikum verrät.

Denn aus Sicht des gebürtigen Dresdners war die Wiedervereinigung zu glatt über die Bühne gegangen. Zumindest für ihn. Vom Berliner Osten war der Sohn eines Regisseurs und einer Schauspielerin damals in den Westen nach Hamburg übergesiedelt. Die Kollegen am Thalia Theater hatten ihn schnell in ihre Reihen aufgenommen. Nur an einem Punkt habe es immer wieder geknackt, erzählt Liefers rückblickend. Nämlich wenn ihn Kollegen gefragt hätten, wie das denn nun gewesen sei, im Osten?

Die Idee kam Liefers, als er seine alten Schallplatten fand

"Da habe ich mich verrannt und in Widersprüche verwickelt, habe Dinge verteidigt, die ich kurz zuvor noch abgelehnt habe", erinnert sich der heute 56-Jährige. Dabei wollte er doch ein differenziertes Bild der eigenen Lebenserfahrung vermitteln. Als er dann bei einem Umzug seine alten Schallplatten gefunden habe, da sei ihm eine Idee gekommen. "Vielleicht kann man über die DDR sprechen, indem man über ihre Musik spricht." Und so hat Liefers das Buch "Soundtrack meiner Kindheit" geschrieben.

Natürlich spielen darin die Songs der Puhdys, von Karat und Lift eine Rolle. Liefers unterzieht stellenweise ganze Alben einer Kritik, erklärt, was sie für seine musikalische Sozialisation bedeutet haben. Und er skizziert Künstlerbiografien wie diejenige von Schauspieler und Sänger Manfred Krug, der es sich mit dem System verscherzte, als er gegen die Ausbürgerung von Liedermacher Wolf Biermann protestierte, dann in den Westen ging und seine Karriere fortsetzen konnte.

Der Schauspieler erzählt ausgehend von einem alten Familienfilm

Ein Gerüst gibt dem Ganzen aber ein tonloses Zeitdokument. Während Liefers' Kindheit und Jugend hatte sein Vater kleine und große Familienmomente mit einer Kamera festgehalten. Schon sterbenskrank hat er seinem Sohn dann später eine Rolle mit den aneinandergefügten stummen Schnipseln überreicht. Diese Szenen sind es, von denen ausgehend Liefers seine Geschichte erzählt, dabei immer wieder zeitlich vor- und zurückgreift.

Im Carmen-Würth-Forum liest Liefers innerhalb einer guten Stunde einmal quer durch das Buch einzelne Kapitel an. Gestikuliert, imitiert Personen, plaudert mit den rund 430 Besuchern, die im großen Saal mit Abstand zueinander sitzen, schnell in vertrautem Ton. "Versteht Ihr Sächsisch?", fragt er beispielsweise in die Runde. Nur um dann nachzuhaken: "Was sprecht Ihr hier eigentlich? Schwäbisch?" Das Publikum klärt ihn schnell auf - und hat seinen Spaß. Auch wegen der pointenreichen Anekdoten aus "Soundtrack meiner Kindheit".

Die farbenfroh gezeichneten Figuren bleiben in Erinnerung

Aus Liefers Biografie dürften es wohl vor allem die Figuren sein, die in Erinnerung bleiben. Denn der Autor weiß sie farbenfroh zu zeichnen. Wie Omi Gretel etwa. Die galt in der Familie als wohlhabend, nistete sich sonntags aber bevorzugt zum Mittagessen sowie Kaffee und Kuchen ein. Und blieb gerne auch noch zum Abendbrot. Zwischendurch häkelte sie und reinigte sich mit der Nadel die Ohren.

Oder der nervöse NVA-Anwerber, der den damals 17-Jährigen dazu verlocken wollte, sich freiwillig für drei statt für eineinhalb Jahre zum Armeedienst zu verpflichten. Hätte Liefers unterschrieben, so erfahren die Zuhörer, wäre ihm das quotenbedingt eigentlich versagte Abitur sicher gewesen. Er lehnte ab.

Nach einer Reihe von Alltagsgeschichten nimmt der 56-Jährige das Publikum zum Schluss noch mit zu einem Moment, als Geschichte geschrieben wurde: zur Alexanderplatz-Demonstration am 4. November 1989. Dort begegnete Liefers eigenen Angaben zufolge dem Chef der DDR-Auslandsspionage Markus Wolf, der ihm Kuchen anbot. "Das", so habe er damals gedacht, "muss das Ende der DDR sein".


Hintergrund: Zur Person

Jan Josef Liefers wird 1964 in Dresden geboren. Auf die Schauspielschule folgen Theaterengagements in Berlin und nach 1989 in Hamburg. Den filmischen Durchbruch schafft Liefers mit "Rossini" und "Knocking on Heavens Door". Seit 2002 spielt der dreifache Vater im Münsteraner "Tatort" den Rechtsmediziner Professor Karl-Friedrich Börne.


Christoph Feil

Christoph Feil

Autor

Seit 2015 ist Christoph Feil bei der Heilbronner Stimme. Er arbeitet im Ressort Leben und Freizeit. Darüber hinaus schreibt er für das Thementeam Wissen, hat den aktuellen Buchmarkt im Blick und stellt für das "Interview der Woche" Menschen gerne Fragen.

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