Selbst Helden sterben manchmal

Heilbronn  Der Kölner Selim Özdogan war mit "Der die Träume hört" zu Gast in der Kunsthalle Vogelmann. Der Literaturbetrieb ist sein Thema. Allerdings hat er es nicht so mit dem Elfenbeinturm, sondern steht mitten im Leben.

Von Michaela Adick
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Was wer wann getan hat, bleibt nebensächlich: In seinem Krimi "Der die Träume hört", mit dem er in der Kunsthalle Vogelmann zu Gast war, geht es Selim Özdogan um eine Milieuschilderung.

Foto: Ralf Seidel

Der Elfenbeinturm als geistiger Ort: welch schöne, ja putzige Vorstellung. Vielleicht war sie es auch, einst eine Idee, an der sich der Kölner Autor Selim Özdogan erfreut hat, der sich in einer Kooperation von Literaturhaus und KunsthalleVogelmann mit seinem Roman "Der die Träume hört" vorgestellt hat. Tatort der Lesung über Literatur und den Literaturbetrieb ist die Ausstellung der Vogelmann-Preisträgerin Ayse Erkmen, Özdogans Mittel der Wahl: das Wort und nichts als das Wort.

Entstehungsgeschichte von Hip-Hop und Rap

Einen Hard-Boiled-Krimi hat er dabei, der so viel mehr ist: Eine Studie über Internetkriminalität und die Entstehungsgeschichte von Hip-Hop und Rap, verbunden mit einem Einblick in das Leben in den Trabantenstädten und last but not least: die Sorgen und Nöte der Enkelkinder der Arbeitsmigranten. Ein schwieriges und recht komplexes Stöffchen also, mit dem er sich plötzlich im letzten Herbst auf der Krimibestenliste wiedergefunden hat.

Doch Özdogan, in Köln geboren, zwischen und mit zwei Kulturen in der Domstadt aufgewachsen, hat es in der Tat nicht so mit dem Elfenbeinturm, mitten im Leben steht der umtriebige Autor. Als Schriftsteller und Vortragsreisender in besseren Nicht-Corona-Zeiten. Und immer wieder als Handlungsreisender in eigener Sache, der regelmäßig bei den Verlagen anklopft. "Er hätte da ein Bilderbuch in petto", erinnert er sich an eine Situation in diesem Frühjahr, die er so leicht nicht vergessen wird. Die schönste Kurzantwort eines Verlages fasst Özdogan, der die leidigen Corona-Abstände durch ein herzhaftes wie nahbares Duzen vergessen machen möchte, erschütternd kurz und knapp zusammen. Sie hätten da eine Vakanz im Programm, so ein Ansprechpartner. "80 Seiten, Zielgruppe der Neun- bis Elfjährigen." Wenn er da was hätte. Gerne.

Buchtipp

Selim Özdogan: "Der die Träume hört". Erschienen in der Edition Nautilus, Hamburg. 287 Seiten, 18 Euro.

Özdogan hatte nur sein Bilderbuch, das inzwischen beim Südpol Verlag untergekommen ist. "Um Inhalte geht es lange nicht mehr", so ein resignierter Özdogan über den Betrieb. Das Thema? Ist dem Business, in dem es immerhin um ein Kulturgut namens Literatur geht, egal. Eine gefühlte Ohrfeige für den Endvierziger, der in den letzten 25 Jahren zwei Dutzend Publikationen vorgelegt hat, und dem man wohl nicht zu nahe tritt, wenn man ihn als profilierten Genre-Sprenger bezeichnet. Bei Aufbau und bei Lübbe sind seine Romane erschienen, bei Haymon und jetzt zuletzt in der renommierten Edition Nautilus in Hamburg. "Der die Träume hört" ist sein zweiter Anlauf, einen Kriminalroman zu verfassen. Den ersten Versuch hat er aufgegeben, er hatte etwas Kommerzielles im Hinterkopf. Ein Schelm, der Böses dabei denkt.

Einen grundsoliden Protagonisten geschaffen

Der Schreibprozess, drückt sich Özdogan jetzt deutlich vornehmer aus, hätte ihm missfallen. Mit der Figur des Nizar Benali, einem Privatdetektiv, der sich auf Cyber-Verbrechen spezialisiert hat, hat er nun einen grundsoliden Protagonisten geschaffen, der selbst in der Zwickmühle steckt. Sein 17-jähriger Sohn, von dessen Existenz er bislang nichts wusste, steht vor seiner Tür. Ein Früchtchen, das lügt, kifft, stiehlt und Schulden hat.

Viel verrät Özdogan in der Lesung nicht, wie soll es bei einer Krimi-Lesung auch anders sein. Nur so viel: Es ist kein klassischer Whodunit, den er vorgelegt hat. Wer was wann getan oder unterlassen hat, bleibt nebensächlich. Özdogan geht es um eine Milieuschilderung. Wie überlebt man auf der Straße? Wie versöhnt man sich mit seinen Nächsten? Die Sprache ist es, die fesselt, dieser ganz eigenwillige Özdogan-Rhythmus mit einer Sprachmelodie, die den Zuhörer mitreißt. Özdogans Pläne? Er schreibt weiter, was sonst. Ein Band mit Erzählungen erscheint 2021, die nächsten Romane im Zweijahresrhythmus. Wenn man ihn dann lässt. Viel wichtiger scheint ihm eine ganz private Challenge: Zwanzig Klimmzüge will er schaffen, bei 15 streikt derzeit sein Körper. "Ich bin an eine Grenze gestoßen. Und sie verschiebt sich nicht mehr." Sprachlich wird Özdogan noch viele Grenzen verschieben - und Maßstäbe setzen.

 

Zur Person

Selim Özdogan wurde 1971 in Köln geboren, studierte nach dem Abitur einige Semester Völkerkunde, Anglistik und Philosophie. Gleich mit seinem ersten Roman "Es ist so einsam im Sattel, seit das Pferd tot ist" (1995) erregte er bundesweit Aufmerksamkeit. 1999 bekam er den Adelbert-von-Chamisso-Preis, der auf deutsch schreibende Autoren fördert, deren Werk von einem Kulturwechsel geprägt ist. Immer wieder arbeitete Özdogan mit dem Filmemacher Fatih Akin zusammen. 2016 nahm er am Ingeborg-Bachmann-Wettbewerb teil. Sein Kriminalroman "Der die Träume hört" stand im letzten Herbst auf der Krimibestenliste.


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