Schicht um Schicht: Bilder von Ute Schmidt in der Hirschwirtscheuer

Künzelsau  Ausstellung "Ute Schmidt - In Bewegung" zeigt Malerei aus der Sammlung Würth und Leihgaben: Kraftfelder und flirrende Oberflächen, denen rational schwer beizukommen ist.

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"Emotional VII", 2018, Gouache, Ölpastell und Öl auf Baumwollgewebe, 60x50.

Flirrende Oberflächen, Farbfelder, die zu vibrieren scheinen, abstrakte Kraftfeld-Malerei mit stark grafischen Elementen, die in den letzten Jahren immer auch zu figurativen Zeichen werden: Die Bilder von Ute Schmidt sind in Bewegung, sowohl was die Technik betrifft als auch Schmidts Generalthema Mensch.

"In Bewegung" heißt auch die jüngste Ausstellung in der Hirschwirtscheuer Künzelsau, die seit vergangenem Wochenende Arbeiten aus zwölf Jahren Schaffen dieser Künstlerin präsentiert, die 1944 in Freiwaldau geboren wurde, der heutigen Tschechischen Republik, bis 1994 im Schuldienst unterrichtete und als freischaffende Künstlerin in Künzelsau lebt und arbeitet.

Persönliche Führung nach Anmeldung

Nach 1990 und 1997 ist "In Bewegung" die dritte Ausstellung, die die Sammlung Würth der Malerin widmet. Zwar hat es diesmal keine Vernissage gegeben, unter Wahrung der Abstands- und Hygieneregeln kann die Schau bis Ende November besichtigt werden. An manchen Tagen führt Ute Schmidt nach Anmeldung persönlich durch ihre Ausstellung.

Farbintensiv und expressiv, verströmen ihre Bilder eine Sogwirkung. Alles ist im Fluss, und so ist Wasser, das unfassbare Element, ein wiederkehrendes Motiv. "Unter Wasser" nennt Ute Schmidt, die vorzugsweise in Serien arbeitet, einen Bildzyklus, zu dem die Arbeit "Ein Boot" aus dem Jahr 2009 gehört. Ein pastellfarbenes Flimmern, das Möglichkeiten des Schwebens und Strömens verhandelt. Doch das Eintauchen und Versinken birgt auch Gefahren. Figuren tauchen auf den Farbfluten auf, lassen sich treiben, werden aber auch verschluckt und dümpeln reglos am Meeresgrund.

Alles ist im Fluss

Schicht um Schicht: Bilder von Ute Schmidt in der Hirschwirtscheuer

Ute Schmidt: "Metamorphosen", 2018, Tusche und Ölpastell auf Kreidegrund, dreiteilig, 100 x 100 Zentimeter, 100 x 100 Zentimeter, 100 x 80 Zentimeter, Sammlung Würth.

Fotos: Volker Naumann

Die Reihe "Emotional" beschäftigt sich mit ikonenhaften Köpfen, die an ägyptische Mumien erinnern, aber auch an die maskenhaften Gesichter des russisch-deutschen Expressionisten Alexej von Jawlensky. Diese Zwiesprache zwischen menschlichem Antlitz auf Bildträger und Betrachter drängt sich auf, eine Figürlichkeit, die in den jüngsten Arbeiten von Ute Schmidt eine neue Bedeutung bekommt.

Ob Bilder aus der Serie "Teilchendichte", "Unter Wasser" oder "Emotional", Ute Schmidt arbeitet nicht nur mit dem Pinsel, sie trägt die Farbe mit beiden Händen auf. Dabei ist der ganze Körper in Bewegung, kombiniert sie Ölfarbe und Acryl, Gouache, Pastellkreide und Grafit miteinander: Die schier endlosen Schichten, die so aufeinander getragen werden, lassen die Bilder subtil pulsieren in leuchtenden Farben. Kein pastoses Auftrumpfen, vielmehr kraftvolle Ruhe kennzeichnet Schmidts Arbeit.

Assoziationen an Teilchenphysik

Die Dynamik, die entsteht aus dem vermeintlichen Gegensatz von kraftvoller Malerei und grafisch beiläufigem Duktus, macht eine schwer greifbare Spannung aus. Auch interessant dabei, nachzuspüren, welch sowohl körperlicher wie kreativer Akt das Malen an sich ist. Wie flirrend dicht die Farbe etwa in der Serie "Teilchendichte" gesetzt ist, nachgerade pointillistisch präzise, ruft Assoziationen an die Teilchenphysik wach. Oder an verpixelte Bildschirme.

Schicht um Schicht: Bilder von Ute Schmidt in der Hirschwirtscheuer

1944 geboren, lebt und arbeitet die Malerin Ute Schmidt in Künzelsau.

Nicht selten setzt Ute Schmidt Gegensätze und Paradoxien ins Bild. Nicht selten über einen längeren Zeitraum komponiert sie ihre Bilder. Schicht für Schicht. Auch wenn Schmidt eine aufmerksame Beobachterin ihrer Umgebung ist, oder bekennt, die zweiteilige Arbeit "Okavango" etwa sei unter dem Eindruck einer Reise nach Afrika entstanden: Die frischen, lebhaft strukturierten Bilderwelten von Ute Schmidt verfolgen kein Narrativ, also keine Erzählung. Eine rein rationale, intellektuelle Lesart kommt ihrer Kunst nicht bei.

Öffnungszeiten

Die Ausstellung "Ute Schmidt - In Bewegung", Sammlung Würth und Leihgaben, in der Hirschwirtscheuer in Künzelsau ist bis 22. November geöffnet, Mittwoch bis Sonntag 11 bis 17 Uhr. Der Eintritt ist frei, der Katalog kostet 14 Euro. Aufgrund der Corona-Pandemie gelten die Abstands- und Hygienevorschriften, das Tragen eines Mund- und Nasenschutzes ist obligatorisch.

Hirschwirtscheuer: Als Wohnhaus mit Scheune wurde die Hirschwirtscheuer 1760 erbaut von dem Hohenlohischen Hofmaurer Johann Georg Scharpf. Bis Mitte der 1980er Jahre wurde sie nur noch als Scheune benutzt. Mit Hilfe der Stiftung Würth wurde auf dem historischen Kellergewölbe 1988/89 nach alten Plänen ein neues Gebäude errichtet. Als Kunstmuseum zeigt die Hirschwirtscheuer eine Dauerausstellung zur Künstlerfamilie Sommer sowie wechselnde Ausstellungen moderner und zeitgenössischer Kunst in Anbindung an den Bestand der Sammlung Würth.

 

Claudia Ihlefeld

Claudia Ihlefeld

Autorin

Seit ihrem Volontariat bei der Heilbronner Stimme 1991 schreibt Claudia Ihlefeld überwiegend über regionale Kultur und Kulturpolitik, aber auch über nationale und internationale Kulturereignisse.

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