Schauspieler Stephan Szász sorgt sich um Solidarität

Jagsthausen/Berlin  Statt den Götz in Jagsthausen zu proben, hält sich TV-, Kino- und Theaterschauspieler Stephan Szász in Berlin geistig und körperlich in Form und fürchtet, dass die Solidarität in der Corona-Krise schwindet.

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Foto: Janosch Orlowsky

Er wäre diesen Sommer der neue Götz der Burgfestspiele Jagsthausen gewesen. Jetzt, Anfang Mai, sollten die Proben beginnen, stattdessen sitzt Stephan Szász in Berlin. Was die Pandemie für das kulturelle Leben bedeutet, warum die Filmindustrie stillsteht und Fußballer keine virusresistenten Helden sind, darüber haben wir uns mit dem TV-, Kino- und Theaterschauspieler unterhalten.

 

Die Zeit ist aus den Fugen: Anders allerdings, als es die Figur des Götz in Goethes Drama beklagt. Herr Szász, wie erleben Sie die Pandemie?

Stephan Szász: Als es begann, dachte ich zuerst, man kann innehalten, nachdenken, hat Ruhe für andere Dinge. Das ging zwei, drei Wochen. Zwar öffnen jetzt die Museen, aber die Bühnen werden weiterhin geschlossen bleiben. Es gibt keine Arbeit für uns. Das ist frustrierend.

 

Der Lockdown trifft die Kultur ins Mark. Wie systemrelevant sind Theater, Tanz, Musik und Literatur?

Szász: Absolut lebensnotwendig. Es findet nur noch online statt. Das Bedürfnis, Menschen live zu erleben, ist groß. Wenn der Kulturbereich, eine in Deutschland faszinierende Landschaft, wegbricht, ist das Leben um so Vieles ärmer und grauer.

 

Ein Ersatzleben vor dem Bildschirm funktioniert nicht wirklich?

Szász: Streamingportale sind kein Ersatz für die Diskussion, die Auseinandersetzung, für den konkreten Kontakt. Zumal die Gefahr besteht: Die Menschen gewöhnen sich daran, dass Kultur online frei zur Verfügung steht. Ich sage meinen Kollegen, macht nicht alles umsonst! Es verliert seinen Wert.

 

Das Berliner Theatertreffen findet derzeit ausschließlich im Netz statt...

Szász: ... ist aber etwas anderes als eine Live-Aufführung, und die ist durch nichts zu ersetzen. Es gibt Kollegen, die haben keine so starke Kamerapräsenz, dafür eine unglaubliche Bühnenpräsenz, das geht verloren. Ein Theaterbesuch ist für mich eine Art spiritueller Vorgang. Man trifft sich gemeinsam an einem Ort, es wird dunkel für die Geschichte, die vorne erzählt wird.

 

Und was bedeutet die Corona-Krise für die Filmindustrie?

Szász: Die Filmindustrie steht still. Seit dem Sars-Virus Anfang der 00er Jahre haben die Ausfallversicherungen Pandemien ausgenommen. Das heißt, wenn ein Corona-Fall auftaucht in einer Filmcrew, steht der ganze Dreh still. Alle müssen in Quarantäne, und keine Versicherung zahlt den Ausfall. Im Moment weiß niemand, wie es weiter geht und ob es einzelne Produktionsfirmen danach noch geben wird. Ein Schicksal, das viele private Kultureinrichtungen und Kinos treffen könnte.

 

Gleichzeitig wird über die Öffnung von Fußballstadien diskutiert.

Szász: Ich finde es schade, wenn Markus Söder sagt, ein Wochenende ohne Fußball ist traurig. Aber eine Woche ohne Theater ist ihm scheinbar nicht so wichtig. Im Jahr gehen in Deutschland von der ersten bis zur dritte Liga 13 Millionen Menschen in die Stadien, in die Theater gehen 20 Millionen.

 

Was weitaus mehr Menschen sind.

Szász: Und jetzt die Diskussion über die Öffnung der Stadien beziehungsweise Geisterspiele. Als ob Fußballspieler virusresistente Superhelden wären. Wie sollen sie denn spielen, ohne Kontakt zu halten? Letztlich geht es nur um Geld.

 

Wie sieht es mit Förderprogrammen für Schauspieler aus?

Szász: Die sind gebunden an die Künstlersozialversicherung. Doch können Schauspieler in der Regel, wenn sie nicht wie ich nebenher auch selbstständig arbeiten, nicht in diese Versicherung: Weil Schauspieler weisungsgebunden sind.

 

Und das heißt?

Szász: Schauspieler stehen oben auf der Bühne und setzen um, was ihnen unten gesagt wird. Das gilt vor dem Gesetz nicht als künstlerischer Vorgang. Was die wenigsten wissen, Schauspieler gelten in Deutschland nicht als Künstler. Anders, wenn Sie eine Schneiderei besitzen und ein Kleid entwerfen, dann können Sie in die Künstlersozialversicherung.

 

Womit verbringen Sie jetzt Ihre Zeit?

Szász: Ich habe den Text für den "Götz von Berlichingen" gelernt, habe für das Collegium Hungaricum in Berlin Buchbesprechungen gemacht, ich mache online-Coaching für verschiedene Institutionen, ich schreibe und halte mich geistig und körperlich in Form. Ich bin leidenschaftlicher Tennisspieler, das geht in Berlin zum Glück jetzt wieder.

 

Wie geht es im Herbst weiter?

Szász: Es gibt keine Sicherheit. Wenn man für einen Dreh engagiert ist, der verschoben wird, kann es sein, dass Kollegen dieser Produktion bereits anderswo unter Vertrag stehen. Alles wird neu aufgemischt.

 

Was vermissen Sie am meisten?

Szász: Zusammensein mit Freunden. Wir als Familie halten uns an die Vorgaben, treffen uns kaum mit anderen. Es ist ein merkwürdiger Zustand, wenn man mit der U-Bahn fährt und spürt, wie das Aggressionspotenzial zunimmt hinter den Masken. Man sieht auch nicht mehr, ob die Leute lachen oder nicht. Ich fürchte, die Solidarität schwindet.

 

Zur Person

Stephan Szász, 1966 in Witzenhausen/Hessen geboren, Studium an der Hochschule für Musik, Theater und Medien Hannover, war unter anderem am Schauspiel Köln engagiert, am Nationaltheater Mannheim und am Schauspielhaus Zürich, am Staatstheater Karlsruhe und an der Berliner Schaubühne. Er spielte in "Das Experiment" von Oliver Hirschbiegel, in dem ZDF-Dreiteiler "Die Wölfe", im "Tatort", "Polizeiruf 110", "Soko Leipzig" und in der BBC-Produktion "37 Days". Der zweifache Vater lebt mit Familie in Berlin.


Claudia Ihlefeld

Claudia Ihlefeld

Autorin

Seit ihrem Volontariat bei der Heilbronner Stimme 1991 schreibt Claudia Ihlefeld überwiegend über regionale Kultur und Kulturpolitik, aber auch über nationale und internationale Kulturereignisse.

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