Sammlung Zander aus Schloss Bönnigheim ausgezogen

Bönnigheim  Stiller Abschied: Nach knapp 24 Jahren ist die weltweit größte Privatsammlung der Naive und Art Brut ausgeräumt und in ein Kunstdepot Nahe Köln transportiert worden. Noch gibt es keinen Nachmieter für den markanten Leerstand. Im Herbst diskutiert der Gemeinderat die künftige Nutzung.

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Diese Bilder der internationalen Naive und Art Brut sind für das Bönnigheimer Schloss Geschichte. Coronabedingt musste auch die von Susanne Zander für April geplante Ausstellung ausfallen.

Foto: Archiv/Andreas Veigel

Gestern hat Cynthia Thumm den Schlüssel abgegeben. Und damit ihre Funktion als Leiterin des Museums Zander in Schloss Bönnigheim. Über 20 Jahre hat Thumm die Sammlung Zander hier betreut. Jetzt ist die weltweit größte Privatkollektion der Naive, Art Brut und Outsider Kunst ausgezogen und geht neue Wege, die die Kunsthistorikerin aus Besigheim weiter begleiten wird. Nur anders.

Knapp 24 Jahre, seit September 1996, bescherte die 4500 Arbeiten umfassende Sammlung im Graf Stadionschen Schloss der Stadt ein Museum von internationalem Rang. Den Weggang von Bönnigheim - wir berichteten - hat sich Susanne Zander, die Geschäftsführerin der Sammlung, eine gemeinnützige GmbH, wohl überlegt. Der Kölner Galeristin und Tochter von Sammlungsgründerin Charlotte Zander ist daran gelegen, den Bestand wissenschaftlich aufzuarbeiten und "die Sammlung in der zeitgenössischen Kunst zu kontextualisieren". Will heißen, der Naiven Kunst ihren angemessenen Platz in der Kunstgeschichte zuordnen, jenseits der weit verbreiteten Vorstellung, es handele sich um randständige Exotik. Die Kooperation mit einer Universität ist geplant, aber noch nicht spruchreif.

"Die Sammlung ist international bekannter als in Deutschland"

Charlotte Zander, die im März 2014 starb, interessierte sich für das Unperfekte, das Authentische an der Kunst jenseits von Mainstream und akademischer Malerei. "Die Sammlung ist international bekannter als in Deutschland", sagt Susanne Zander. "Meine Mutter hat gegen den Strom gesammelt, aber geplant, war mutig und stark."

Dass als Käufer einzelner Blöcke nur Museen und nicht Privatpersonen infrage kommen, liegt in der Natur der Gemeinnützigkeit der Sammlung. Die Zusammenarbeit mit großen Häusern ist gewünscht, die breit aufgestellte Kollektion aus vorwiegend Bildern, doch auch Skulpturen und Objekten soll Wissenschaft wie Öffentlichkeit zur Verfügung stehen. "Aber", so Zander, "ich lasse mich nicht drängeln."

Natürlich gibt es Anfragen von Museen für Dauerleihgaben oder temporäre Ausstellungen. Die Überlegung, einen Teil dem New Yorker Museum of Modern Art zu überlassen, ist indes verworfen. "Im MoMA würden die Arbeiten im Depot stehen. Ich würde die Arbeiten gern in Deutschland sehen, konzentriert auf einige Museen." Vorerst ruht die Sammlung mit Schlüsselwerken der Naive von André Bauchant, Séraphine Louis, Henri Rousseau, Bill Traylor und anderen in Kisten im Depot im Rheinland. Die Regale werden gerade gebaut.

Fünf bis sechs LKW-Ladungen Kunst

Mit Hilfe von neun studentischen Mitarbeitern und dem Kölner Kunsttransport Tandem hat die Statthalterin vor Ort, Cynthia Thumm, den Auszug aus dem Schloss in den Wochen seit April gewuppt. Viereinhalb Tausend Arbeiten wurden inventarisiert. Allein das Sammlungsarchiv und die Bibliothek füllen über 300 Kartons. Zwei Mal ist ein "riesig großer" Lastwagen mit Anhänger gefahren, "das entspricht fünf bis sechs LKWs", sagt Thumm. Wehmut über den Fortgang? "Ich schaue nach vorne und freue mich über den Neubeginn der Sammlung, die ich weiterhin betreue, nur ohne Museumsbetrieb. Wir haben eine sehr gute Datenbank." 2021 soll eine umfassende Publikation erscheinen über Charlotte Zander und ihre Kollektion.

Dass die letzte Ausstellung im Schloss, die Anfang April öffnen sollte, coronabedingt ausgefallen ist, mag ein Wermutstropfen sein. Zumal die Schau mit dem selbstredenden Titel "Rewind - Zurück zum Anfang" fertig kuratiert war. Doch hat die in der Kunstszene bestens vernetzte Susanne Zander bereits einen Ausgleich gefunden: "Rewind" wird im Herbst 2021 im Kunstverein Bonn zu sehen sein.

Interessenten für das Schloss gibt es zuhauf

"Wir verlassen Bönnigheim tip top", hatte Susanne Zander angekündigt. 2016 ließ die gemeinnützige Sammlung die Räume im denkmalgeschützten Schloss renovieren. "Mit Spendengeldern. Man darf sich vorstellen, das hat gekostet."

Und was plant die Stadt mit ihrem Leerstand? Interessenten gibt es zuhauf, bestätigt Bönnigheims Bürgermeister Albrecht Dautel: Galeristen, die im Schloss ausstellen wollen, oder die in Hamburg ansässige Agentur Pashmin Art Management, die als Kunstvermarkter agiert. Ob das "eine wirklich nachhaltige Lösung" ist, wird ab Herbst "in Ruhe" mit dem Gemeinderat diskutiert. Oberstes Gebot: Das Schloss soll öffentlich zugänglich bleiben. Und so werden vorerst weiterhin hier standesamtliche Trauungen stattfinden.

Sammlung Zander: Seit September 1996 war die mit 4500 Werken größte Privatkollektion der Naive, Art Brut und Outsider Kunst, die die Galeristin und Sammlerin Charlotte Zander (1930-2014) zusammengetragen hat, in Schloss Bönnigheim untergebracht. 2015 wurde die Sammlung in eine gemeinnützige GmbH eingebracht, deren Geschäftsführerin die Kölner Galeristin Susanne Zander ist.


Claudia Ihlefeld

Claudia Ihlefeld

Autorin

Seit ihrem Volontariat bei der Heilbronner Stimme 1991 schreibt Claudia Ihlefeld überwiegend über regionale Kultur und Kulturpolitik, aber auch über nationale und internationale Kulturereignisse.

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