Rollenklischees und weitere Missverständnisse im Komödienhaus Heilbronn

Heilbronn  Liebe und Beziehungskisten in Zeiten der Genderdebatte: Nils Brück inszeniert "How to Date a Feminist" und erzählt im Gespräch, was ihn an der Komödie der britisch-irakischen Autorin Samantha Ellis reizt.

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"Es geht in Samantha Ellis" 2016 in London uraufgeführtem Stück nicht nur um Feminismus, sondern um das rechte Maß an Anpassung und Freiraum in einer Beziehung": Nils Brück liebt verschachtelte, rasante Komödien.

Foto: Andreas Veigel

Als Feministen würde er sich nicht bezeichnen. Eher als "Frauensympathisant", sucht Nils Brück nach der passenden Formulierung. "Ich bin für die Veränderungen und den Prozess, der immer noch stattfindet in Richtung Gleichberechtigung und Feminismus." Mit den verschiedenen Strömungen des Feminismus hat er sich gründlich beschäftigt, hat sich eingelesen in die Fachliteratur für seine jüngste Regiearbeit, mit der sich das Heilbronner Theater morgen zurückmeldet nach monatelanger Corona-Pause.

Das Notizbuch, das Brück ausschließlich für die Inszenierung von "How to Date a Feminist" seit Oktober letzten Jahres gefüllt hat, liegt vor ihm. Ein Werkzeug, um innerhalb weniger Tage die Beziehungs-Komödie von Samantha Ellis aufzufrischen. Bis zur Generalprobe im November hatten der Regisseur und sein Team das Stück gebracht.

"Das ist heftig"

Es ist die achte Regiearbeit des Schauspielers Nils Brück, der nebenbei in den Wiederaufnahmeproben für "Der Fall der Götter" auf der Bühne steht. "Das ist heftig", kommentiert er den bemerkenswerten Willen des Theaters, in den verbliebenen Wochen bis zur Sommerpause, dem Publikum so viel wie möglich zu bieten.

"Eine technische Erinnerungsprobe" hatte Brück mit den Kollegen Romy Klötzel und Sven-Marcel Voss, die sämtliche sechs Rollen, also jeder drei, spielen. Jetzt wird an zwei Tagen jeweils morgens und abends geprobt, am Aufführungstag selbst noch eine "Reserveprobe" durchgezogen, dann wird im Komödienhaus vor Publikum gespielt. Mit Livemusik, das ist Brück wichtig.

Livemusik und fliegende Szenenwechsel

Außer einem Keyboard und einer Loop Station braucht Musiker Johannes Bartmes nichts auf der Bühne. Handgemachte Musik, eigens entwickelt, nichts wird gecovert. Eine Art musikalisches Multitasking, so wie die beiden Schauspieler die raschen Szenenwechsel ohne viel Zeit für Umzüge und Umbauten meistern müssen. "Ein freches, kluges Stück" nennt Nils Brück diesen "Roadtrip durch eine Beziehung".

Die Story ist charmant und jongliert mit Rollenklischees, die ja immer einen wahren Kern bergen. Und wenn zwei Personen in grundverschiedene Rollen schlüpfen, werden Stereotype samt Geschlechterdebatte nochmals auf den Kopf gestellt. Steve und Kate lernen sich auf einer Kostümparty kennen. Steve, der feministische Titelheld und Sohn einer friedensbewegten Politaktivistin, ist in einem Frauencamp aufgewachsen und betont kritisch gegenüber dem Patriarchat.

Eine Frau, die auf Machos steht

Die Journalistin Kate, Tochter eines konservativen Knochens alter Schule, schreibt zwar über misshandelte Frauen und Genderthemen wie mangelnde Lohngerechtigkeit, steht aber auf Machos wie ihren Ex, den sie nun durch den Flirt mit Steve eifersüchtig machen möchte.

Auch Steve ist frisch getrennt, die beiden unterschiedlichen Temperamente kommen sich näher, trotz massiver Widerstände ihrer Eltern, die sich penetrant in die Hochzeitsvorbereitungen einmischen.

Als sich schließlich die radikalfeministische Mutter und der chauvinistische Vater verlieben, bricht für Steve eine Welt zusammen. Seine junge Ehe hält gerade 90 Minuten lang. Mit welcher Leichtigkeit und intelligenter Pointiertheit Samantha Ellis, die 1975 als Tochter irakisch-jüdischer Eltern in London geboren wurde, das Thema Gleichberechtigung und Liebe verhandelt, und dabei den Einfluss der Eltern streift und der Erziehung, bereitet Nils Brück großes Vergnügen. "Es geht in Ellis" 2016 in London uraufgeführtem Stück nicht nur um Feminismus, sondern um das rechte Maß an Anpassung und Freiraum in einer Beziehung." Sich mit "How to Date a Feminist" zu beschäftigen, sagt er, "ist ein Geschenk". "Ellis reißt vieles an, ohne es schwer zu belasten."

"Ich versuche, Kollege zu bleiben"

Zudem gefällt Brück der Perspektivenwechsel vom Schauspieler zum Regisseur. "Ich versuche nicht, mich in einen Regisseur zu verwandeln, sondern Kollege zu bleiben." Wie er zum Thema Gendersprache steht? "Ich bin zwiegespalten." Und die Frauenquote? Kann er sich in männerdominierten Unternehmen wie der Autoindustrie oder dem Bankwesen gut vorstellen. So wie auch dem Theater mehr Frauen in Führungspositionen gut anstünden.

Bleibt noch die Frage nach weiblichen und männlichen Wesenszügen. "Emotionales Denken ist eher weiblich, Männer sind mehr vom Kopf gesteuert. Was nicht heißt, dass Männer keine Gefühle haben und Frauen nicht denken können."


"How to Date a Feminist"

Komödie von Samantha Ellis

Regie: Nils Brück, Ausstattung: Carla Friedrich, Musik: Johannes Bartmes.

Mit Romy Klötzel und Sven-Marcel Voss

Premiere: Donnerstag, 20 Uhr, Komödienhaus Heilbronn.

Zur Person: 1970 in Dresden geboren, studierte Nils Brück Schauspiel an der Hochschule für Schauspielkunst Ernst Busch in Berlin. Engagements am Maxim Gorki Theater Berlin, am Staatstheater Cottbus, Theater Chemnitz und am Staatstheater Schwerin. Seit 2008 ist der dreifache Vater Ensemblemitglied am Theater Heilbronn. Zudem ist Brück Dozent für Schauspiel an der Akademie für Darstellende Kunst Baden-Württemberg in Ludwigsburg.


Claudia Ihlefeld

Claudia Ihlefeld

Autorin

Seit ihrem Volontariat bei der Heilbronner Stimme 1991 schreibt Claudia Ihlefeld überwiegend über regionale Kultur und Kulturpolitik, aber auch über nationale und internationale Kulturereignisse.

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