Relikte des Alltags: Fotoarbeiten von Sharon Ya'ari im Kunstverein Heilbronn

Heilbronn  Visionen und Brüche der Moderne und der Zauber verschollener Geschichten: Sharon Ya'ari aus Tel Aviv zählt zu den angesagten Künstlern seiner Generation in Israel und zeigt ab Sonntag markante Beispiele seiner Fotoserien im Kunstverein.

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"This is my beauty" − "Das ist meine Vorstellung von Schönheit": Sharon Ya"ari aus Tel Aviv im Kunstverein Heilbronn.

Foto: Mario Berger

Sharon Ya'ari ist einer der gut organisierten Künstler. Mit einem präzisen Hängeplan ist er von Tel Aviv angereist, um vor Ort seine Ausstellung im Kunstverein Heilbronn einzurichten. Visionen der Moderne und Relikte des Alltags, Erinnerung und Gegenwart sind Themen seiner Fotoarbeiten, wobei Ya'ari, einer der angesagten Künstler seiner Generation in Israel, kein Fotojournalist ist.

Je nach Motiv in einer anderen fotografischen Technik, sind seine Bilder dichte Erzählungen als das Ergebnis fortwährender Spurensuche. Archäologie der Moderne, das ist ein Schlüsselbegriff in Ya'aris Werk. Oder, wie er es nennt, "Migration der Formen". Hinter allem steckt immer eine Geschichte. "It's all about stories." Nur: Zu einfach dürfen diese nicht sein.

"Mich interessiert die spezifische DNA eines Ortes"

"Meine Kunst handelt von verschollenen Geschichten", sagt Scharon Ya'ari. "Wenn ich fotografiere", stellt er klar, "ist nicht automatisch alles Kunst." Auch wenn seine Arbeiten nicht politisch im engeren Sinne sind, steckt in jedem Bild ein gesellschaftliches Narrativ, das von sozialen wie politischen Brüchen erzählt. "Mich interessiert die spezifische DNA eines Ortes." Etwa die eines ehemaligen Kulturzentrums in Nordisrael, erbaut in den 1920er Jahren von Richard Kauffmann, einem deutschen Architekten, der nach Palästina ausgewandert war, um sich dort als Siedlungs- und Stadtplaner zu engagieren.

Kauffmann, der die Prinzipien des Bauhauses für die Landschaft der östlichen Mittelmeerküste und ihres Hinterlands adaptierte, gehört zu jener Gruppe Baumeister, die die architektonische Grundlage für den entstehenden Staat Israel legte, unter anderem plante Kauffmann das Quartier Weiße Stadt in Tel Aviv. Was damals für die Zukunft Israels gedacht war, eine Utopie der Moderne, ist heute nicht selten verrottet, wie das Kulturzentrum auf einem der enigmatischen Fotos, das seit Jahrzehnten verlassen ist.

 

Die Schönheit des Beiläufigen

Die zerschlissenen Sonnenschirme scheinen die Patina der bröckelnden Fassade zu zitieren. Auf einem Bild daneben sind diese Schirme gegen das Licht aufgenommen. Ein lapidar souveränes Beispiel von Schuss und Gegenschuss, jene beiden Perspektiven, aus denen fotografiert wird. Aus seinem Blick für Kontraste nährt sich die Poesie von Ya'aris Fotoarbeiten, die die Schönheit des Beiläufigen wie des Vergänglichen verdichten - aber auch die latente Melancholie, die Sehnsuchtsorten innewohnt.

Neben dem Subtext der jeweiligen Motive besticht die meisterliche Technik seiner Arbeiten, die die Möglichkeiten des Mediums Fotografie reflektiert. Brillant das Spiel mit Lichtkontrasten, das mancher Fotoarbeit einen malerischen Gestus verleiht. Zum Ausstellungstitel "The Romantic Trail and the Concrete House" haben ihn zwei Hinweisschilder inspiriert im Yarkon Nationalpark. Romantikweg steht für die Suche nach einem Ort, der durchaus Klischee sein kann. Concrete House wird das erste, 1912 mit Stahlbeton in dieser Region erbaute Haus genannt. Die Doppeldeutigkeit des englischen Begriffs concrete (= konkret, greifbar und der Werkstoff Beton) ist Teil der berührend spröden Atmosphäre, die sich als roter Faden durch Ya'aris Werk zieht.

Ein Fotobuch zum Blättern als "eigene Show"

Mögen Kritiker sagen, seine Arbeiten seien melancholisch, Sharon Ya'ari pocht auf seine Vorstellung von Schönheit. "This is my beauty", sagt er und ermuntert den Besucher, in einem großformatigen Fotobuch zu blättern, das ebenfalls ausgestellt ist. Die 36 Doppelblätter sind, wie er sagt, eine "eigene Show". Seit 2010 hat er in der Großstadt Be'er Sheva im Süden die Transformation eines Platzes festgehalten, die Verschönerungsversuche, die Zeichen des Zerfalls. Ein Objekt aus Betonzylindern, einst Symbol der Moderne, ist längst demontiert, und auch die später eingepflanzten Palmen sind eingegangen.

Andere Serien zeigen Mädchen am Strand, nicht als Porträtierte, sondern beobachtet in ihrem Alltag. Oder Vögel, die über menschenleere Straßen stolzieren, wie der einsame Kiebitz im betonierten, städtischen Raum, ein unerwartet absurder Augenblick. Aber eben auch geheimnisvoll und beiläufig poetisch, wie die grünen Handtücher auf der Leine an einer Wohnblockfassade, die kongenial mit den Palmen und Agaven im Vorhof harmonieren.

Ausstellungsdauer

25. Juli bis 28. November, täglich außer Montag 11-17 Uhr, Donnerstag bis 19 Uhr.

Sharon Ya'ari, Jahrgang 1966, lebt und arbeitet in Tel Aviv, lehrt an der Bezalel Academy for Art and Design in Jerusalem. Einzelausstellungen in Vilnius, Basel, Philadelphia, New Delhi, Graz, Tel Aviv und Jerusalem. Zur aktuellen Schau in Heilbronn in Kooperation mit dem Kunstmuseum Krefeld und dem Oldenburger Kunstverein ist ein Katalog erschienen (Snoeck, 29,80 Euro).


Claudia Ihlefeld

Claudia Ihlefeld

Autorin

Seit ihrem Volontariat bei der Heilbronner Stimme 1991 schreibt Claudia Ihlefeld überwiegend über regionale Kultur und Kulturpolitik, aber auch über nationale und internationale Kulturereignisse.

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