Recherchen vor Ort für ein Theaterstück zum Mord an Michèle Kiesewetter

Heilbronn  Wie das Regieteam Regine Dura und Hans-Werner Kroesinger in Heilbronn Material nachspürt und Interviews führt für ihr Dokumentar-Theaterstück zum Fall Kiesewetter und den NSU-Komplex. Uraufführung ist für Oktober in der Boxx des Heilbronner Theaters geplant.

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"Es geht darum, Spuren in ein Geflecht zu legen": Regine Dura und Hans-Werner Kroesinger schreiben im Auftrag des Theaters Heilbronn ein Stück.

Foto: Andreas Veigel

Wir können den Fall nicht aufklären. Darum geht es auch nicht", stellen Regine Dura und Hans-Werner Kroesinger klar. "Es geht um eine Art Stadtgedächtnis. Und darum, Spuren in ein Geflecht zu legen." Vergangene Woche war das Regieteam Dura/Kroesinger erstmals vor Ort in Heilbronn: der Stadt, in der im April 2007 die Polizistin Michèle Kiesewetter erschossen wurde.

"Vorort - Eine Spurensuche" lautet der Arbeitstitel ihres Dokumentartheaters, das im Oktober, so der Plan, in der Boxx uraufgeführt wird. Das regionale Recherche-Projekt zum Mord an Kiesewetter möchte Verbindungen nachspüren zwischen dem Nationalsozialistischen Untergrund (NSU) und der rechten Szene in Baden-Württemberg. Warum Heilbronn? Wie hat die Stadt auf den Mord reagiert? Welche Erinnerungen bleiben, welche werden zum Narrativ? "Kein Schlussstrich!" nennt sich das bundesweite Theaterprojekt zum NSU-Komplex, an dem das Heilbronner Theater teilnimmt als eine jener Städte, in denen der NSU mordete, oder die Verbindungen zu den Tätern aufzeigen wie Chemnitz, Dortmund, Eisenach, Hamburg, Jena, Kassel, Köln, München, Nürnberg, Rostock, Rudolstadt, Weimar und Zwickau.

Unvoreingenommen, aber nicht unvorbereitet

"Licht ins Dunkel" heißt der Verein, gegründet im September 2020, und Initiator des Projekts, das mit themenbezogenen Premieren und Rahmenprogrammen im kommenden Herbst - zehn Jahre nach der Selbstenttarnung des NSU - in den genannten Städten daran erinnert, dass viele Hintergründe des NSU nach wie vor unklar sind. Am Heilbronner Theater hat Dramaturgin Mirjam Meuser Vorarbeit geleistet und Dura und Kroesinger mit Informationen zum Fall versorgt. Kroesinger, einer der wichtigsten Vertreter des Dokumentartheaters im deutschsprachigen Raum, und die Dokumentarfilmerin und Autorin Dura, die beruflich wie privat ein Paar sind, haben den Bericht des Untersuchungsausschusses zum Fall Kiesewetter gelesen, den NSU-Prozess in München verfolgt, Berichterstattungen aus der Zeit des Terrormordes und mehr.

"Wir versuchen, den Kopf frei zu halten, wenn wir auf unsere Gesprächspartner zugehen", sagt Regine Dura. "Unvoreingenommen, aber nicht unvorbereitet." So haben sie Roland Eisele interviewt, den ehemaligen Polizeichef, und den ehemaligen Kripo-Chef Volker Rittenauer. Auch Heilbronns Oberbürgermeister Harry Mergel und sein Vorgänger im Amt, Helmut Himmelsbach, standen Rede und Antwort. Sprechen sie nur mit offizieller Seite? Nein, die Recherche ist breitgefächert, auch die fünf Schauspieler, die die Text-Collage dann auf die Bühne bringen, führen Interviews mit unterschiedlichen Personen aus ihrer mittelbaren und unmittelbaren Umgebung.

Lassen sich Rückschlüsse ziehen auf unsere Zivilgesellschaft?

Wohin die Recherche führt, ist offen. Wenngleich sich die Erinnerung an den 25. April 2007 bei fast allen eingeprägt hat als der Tag, an dem die Stadt abgeriegelt war und Helikopter über Heilbronn kreisten. Das Negativ-Image als Stadt des Polizistenmordes wurde in der Folge getoppt durch die Pannenserie bei den Ermittlungen und das vermeintliche Phantom von Heilbronn, das sich spät als Chimäre entpuppen sollte. Kontakt zu Michèle Kiesewetters einstigem Führungsoffizier oder zu Kiesewetters Kollegen Martin Arnold, der durch einen Kopfschuss lebensgefährlich verletzt wurde, haben Kroesinger und Dura nicht gesucht. Sie widmen sich dem lokalen Ereignis und dessen Folgen. Lassen sich Rückschlüsse ziehen auf unsere Zivilgesellschaft?

Im September kommen Dura und Kroesinger wieder, vielleicht schon im Sommer. Während des Lockdowns sind die Recherchebedingungen erschwert. "Zunächst hat Regine die Arbeit, aus der Fülle des Materials aus Interviews, Dokumenten und Texten ein Theaterstück zu montieren", sagt Hans-Werner Kroesinger. Regie führen sie dann zu zweit.

"Denken kann sehr unterhaltsam sein"

Dokumentartheater soll zum Denken anregen, aber kann es auch unterhalten? "Denken kann sehr unterhaltsam sein", sind sich beide einig. "Anstrengen kann es auch - und sinnlich sein." Lange ist es her, dass Kroesinger mit Robert Wilson gearbeitet hat und mit Heiner Müller. Was ihn an die so bedeutenden wie unterschiedlichen Regisseure erinnert? "Wilson denkt in Strukturen, Müller war an Geschichte interessiert." Den aktiven Zuschauer fordern, das will auch das Theater, das Hans-Werner Kroesinger und Regina Dura seit Jahren praktizieren.

Hans-Werner Kroesinger, einer der wichtigsten Vertreter des Dokumentartheaters, arbeitet an Staats- und Stadtbühnen, in der freien Szene und seit 2000 mit der Dokumentarfilmerin, Dramaturgin und Autorin Regine Dura. Ihre Inszenierungen entstehen nach intensiven Materialrecherchen als Stückentwicklungen mit den Schauspielern. Ihr "Stolpersteine Karlsruhe" war 2016 zum Berliner Theatertreffen eingeladen.


Claudia Ihlefeld

Claudia Ihlefeld

Autorin

Seit ihrem Volontariat bei der Heilbronner Stimme 1991 schreibt Claudia Ihlefeld überwiegend über regionale Kultur und Kulturpolitik, aber auch über nationale und internationale Kulturereignisse.

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