Wolfgang Niedecken: "Realitätsverweigerung geht mir auf den Sack"

Heilbronn  BAP-Sänger Wolfgang Niedecken wird heute 70 Jahre alt. Am 31. Oktober 2022 kommt er mit seiner Kölschrockband in die Harmonie nach Heilbronn. Wir haben uns mit dem Musiker über die Querdenker-Demos, die WM in Katar und sein neues Buch unterhalten.

Email

Feiert seinen 70. Geburtstag wegen der Corona-Pandemie im kleinen Familienkreis: BAP-Frontmann Wolfgang Niedecken. Im kommenden Jahr kommt er mit seiner Band in die Harmonie Heilbronn.

Foto: dpa

Herr Niedecken, Ihren 60. Geburtstag haben Sie mit Familie, Freunden, Fans und Gästen groß auf einem Ausflugsschiff auf dem Rhein gefeiert. Für Ihren 70. Geburtstag heute ist das mit Sicherheit nicht möglich.

Wolfgang Niedecken: Das ist ärgerlich, aber es ist nun mal Pandemie. Wir wollten an diesem Tag eigentlich ein großes Konzert in der Köln-Arena spielen. Jetzt wird das Fest im engsten Familienkreis stattfinden, mit meinen Kindern und Enkeln. Wir werden uns vorab alle testen lassen, und dann wird das eine kleine, gemütliche Feier.

Eine Impfung könnte für Sie bald möglich sein. Nach all den kontroversen Diskussionen: Würden Sie sich mit Astrazeneca impfen lassen?

Niedecken: Aber natürlich. Ich habe meinen Hausarzt gefragt, ob das in Ordnung ist. Nach meinem Schlaganfall musste ich mich da rückversichern. Generell sollten die Leute ihren Hausärzten beim Thema Impfen vertrauen. Die haben doch den Überblick und wissen perfekt über die jeweilige Krankengeschichte Bescheid.

 

Sie sind ein politisch sehr engagierter Mensch. Im Moment treibt die Pandemie auch viele Menschen auf die Straße - bei Querdenker-Demos in Berlin, Stuttgart oder zuletzt in Kassel.

Niedecken: Demos dieser Art gefährden unsere Demokratie. Ich nenne diese Menschen mittlerweile Querschläger. Die sollten sich die von ihnen fälschlicherweise "Mainstreammedien"genannt, einmal wirklich anschauen, zum Beispiel, was in Brasilien passiert. Präsident Bolsonaro leugnet die Pandemie, und die Infiziertenzahlen steigen ins Uferlose. Und hier laufen diese Menschen ohne Abstand und Masken, gefährden dabei die Polizisten und sich gegenseitig. Das alles ist hirnverbrannt. Jede Art von Realitätsverweigerung geht mir auf gut Deutsch gesagt auf den Sack.

Sie waren während Corona kreativ: Anfang März ist Ihr Buch "Wolfgang Niedecken über Bob Dylan" erschienen. Welchen Einfluss hatte der Musiker auf Ihr Leben?

Niedecken: In den 60er Jahren habe ich in einer Beatband Bass gespielt. Auf einem Schulfest habe ich zum ersten Mal "Like a Rolling Stone" gehört. Das war wie ein Blitzeinschlag. Die Beatles beispielsweise haben bevor Bob Dylan in ihr Leben trat, hauptsächlich Junge-trifft-Mädchen-Geschichten erzählt, es waren ziemlich seichte Texte. Dylans tiefgründige Texte haben auch die Fab Four beeinflusst.

Konzert in Heilbronn

Niedeckens BAP spielen am 31. Oktober 2022 um 20 Uhr in der Harmonie Heilbronn. Eintrittskarten für das Konzert gibt es ab 43,90 Euro im Stimmeshop.

Und wohl auch Ihre Karriere.

Niedecken: Bob Dylan ist der Grund, warum ich anfing Liedertexte zu schreiben. Ich habe mich intensiv mit ihm beschäftigt, und es tat sich ein riesiger Kosmos auf. Ich habe ihn übrigens zwei Mal persönlich getroffen, Wim Wenders hat uns vorgestellt. Er ist ein sehr angenehmer Mensch und überhaupt nicht hochnäsig oder arrogant, jedenfalls mir gegenüber.

Einen Dylan-Song erwartet man auch jetzt. Wenn Sie sich nur noch auf drei Songs in Ihrem Leben beschränken müssten, welche wären das?

Niedecken: Ich hätte lieber vier Lieder (lacht), denn es sind eigentlich vier Musiker, beziehungsweise Bands, die mich auf den Weg gebracht haben. Ich würde zunächst "Desolation Row" von Bob Dylan wählen. Von den Rolling Stones "Tumbling Dice", denn das ist ein Song, den ich therapeutisch einsetze, wenn ich mal wieder nicht in die Puschen komme. Dann nehme ich von den Beatles "Strawberry Fields Forever" und von den großartigen Kinks "Waterloo Sunset".

Zu einem ganz anderen Thema. Sie sind bekannt als leidenschaftlicher Fan des Fußballs und des 1. FC Köln. Derzeit wird viel über den Boykott der WM in Katar 2022 diskutiert.

Niedecken: Ich wäre dafür, diese WM zu boykottieren. Nicht nur wegen den massiven Menschenrechtsverletzungen vor Ort. In meinen Augen wird der Fußball auch leider immer mehr zu einer Ausgeburt der Kommerzialisierung, von Schiebereien und Korruption. Es ist das Allerletzte, wie die Vergabe dieser WM zustande gekommen ist.

BAP hat in den 80ern schon Konzerte in China und der Sowjetunion gespielt. Gibt es heute Länder, in denen Sie aus ethischen Gründen nicht mehr auftreten würden?

Niedecken: Das kommt darauf an, was dort abläuft. Damals war das in Ordnung, in China wusste man 1987 nicht einmal, was Rockmusik ist. Die kannten weder Elvis, noch die Beatles, noch die Stones. Wir haben in Peking, Shanghai und Kanton jeweils drei Mal vor 18 000 Leuten gespielt, obwohl sie uns schon mal gar nicht kannten. Wenn Präsident Lukaschenko uns nach Weißrussland einladen würde, um auf einer seiner Promo-Veranstaltungen zu spielen, das würden wir nicht machen. Auf einer Oppositionsveranstaltung würden wir, wenn man uns denn reinlassen würde, schon eher spielen (lacht).

BAP gibt es mit verschiedenen Besetzungswechseln seit 1976. Was braucht es, um so lange zu bestehen?

Niedecken: Vor allem Flexibilität. Und es ist sehr wichtig, nicht in bewährten aber langweiligen Mustern zu verharren, von denen man weiß, dass sie eigentlich keinen Spaß mehr machen. Besatzungswechsel bringen meist neue Einflüsse. Ab und zu muss man neue und verschiedene Wege einschlagen. Wir haben immer zugelassen, dass irgendwas fließt. 45 Jahre in der gleichen Besetzung? Das wäre eine Katastrophe gewesen.

Sie haben Kunst studiert, wurden dann Musiker. Hätten Sie sich auch einen vermeintlich sicheren Weg, beispielsweise eine Ausbildung zum Bankkaufmann, vorstellen können?

Niedecken: Auf gar keinen Fall. Denn ich bin wirklich total schlecht in Mathematik und kann überhaupt nicht mit Zahlen umgehen.

Zur Person

Wolfgang Niedecken wurde am 30. März 1951 in Köln geboren. Ohne Abitur studierte er ab 1970 freie Malerei an den Kölner Werkschulen der FH Köln und schloss das Studium 1974 mit dem Examen und einem Studienaufenthalt in New York City ab. 1976 gründete er die Kölschrock-Band BAP. Bis heute ist er Sänger, Texter, Komponist und Frontmann der Gruppe und das einzig verbliebene Gründungsmitglied. Mit "Alles fließt" hat die Band 2020 ihr 19. Studioalbum veröffentlicht. Im März hat Wolfgang Niedecken, der zum zweiten Mal verheiratet ist, das Buch "Wolfgang Niedecken über Bob Dylan" veröffentlicht. Es ist im Verlag Kiepenheuer & Witsch erschienen (240 Seiten, 14 Euro).


Ranjo Döring

Ranjo Doering

Autor

Ranjo Doering arbeitet seit 2015 bei der Heilbronner Stimme. Nach seinem Volontariat und einem Jahr als Redakteur bei der Hohenloher Zeitung ist er seit 2018 im Kulturressort tätig. Seine Schwerpunkte sind Musik, Film, Theater und Kabarett.

Kommentar hinzufügen