Neue Kunst in der Alten Fabrik in Ruchsen

Möckmühl  Im Raum für Kunst in Ruchsen stellen Wernhild Baars und Jutta Rohwerder ausschließlich Arbeiten von Künstlerinnen aus. Dabei ist es nicht immer einfach, das Interesse an Kunst im ländlichen Raum zu wecken.

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Gelber Boden, fliederfarbene Tür: Im Moment liegen die Holzschnitte von Dini Thomsen noch auf dem Boden, im Hintergrund Malerei von Moni Müller.

Fotos: Mario Berger

Müssen Frauen nackt sein, um ins Metropolitan Museum zu kommen, fragte 1989 die anonyme Künstlerinnengruppe Guerrilla Girls und machte auf das Ungleichgewicht zwischen ausgestellten Künstlern und Künstlerinnen in einer der bekanntesten Kunstinstitutionen von New York aufmerksam.

"Do women have to be naked to get into the Met. Museum?" brachte nicht nur den Sexismus und Rassismus des Kunstbetriebs vor 30 Jahren auf den Punkt, sondern stellt bis heute die Gretchenfrage, wie es Ausstellungsleiter, Kuratoren und Museen mit weiblichen Künstlern halten.

"Künstlerinnen haben es immer noch schwerer auf dem Markt"

"Es gibt viele gute Künstlerinnen", sagt Jutta Rohwerder. "Aber sie haben es immer noch schwerer auf dem Markt als ihre männliche Kollegen", ergänzt Wernhild Baars. Seit 2012 präsentieren die zwei Frauen zwischen April und September zwei Ausstellungen mit ausschließlich Künstlerinnen in einer denkmalgeschützten Fabrik in Ruchsen. Im Winter ist es schlicht zu kalt in dem ungeheizten, gut 100 Quadratmeter großen Raum. Der Schwerpunkt ihrer Ausstellungsarbeit liegt auf Skulptur und Objekt, aber auch Malerei wird gezeigt.

"Wir präsentieren etablierte Künstlerinnen", betont Rohwerder. "Keine Hobbykunst." Die gebürtige Düsseldorferin hat in Köln Germanistik und Pädagogik studiert und nebenbei die Kunstakademie besucht. Seit den 70er Jahren ist sie künstlerisch tätig und arbeitet überwiegend in Blei, schafft Installationen und Objekte. Seit ihre Mutter mit deren zweiten Mann in dessen Heimat Ruchsen zog, kommt auch Jutta Rohwerder in den Teilort von Möckmühl. Und bewohnt hier seit etwa 30 Jahren mit ihrem Mann ein Haus mit Atelier.

Ideell rechnet sich das Projekt, nicht aber wirtschaftlich

Neue Kunst in der Alten Fabrik in Ruchsen

Jutta Rohwerder ist die künstlerische Leiterin des Raums für Kunst, Wernhild Baars (nicht auf dem Foto) hat die Fabriketage seit über drei Jahrzehnten gemietet.

Vier, fünf Monate im Jagsttal, die übrige Zeit des Jahres in Düsseldorf: Jutta Rohwerder ist in der Szene gut vernetzt und bringt die Kunst aufs Land in die Fabrikstraße 1. "Es ist schwierig", bekennt sie. Auch nach acht Jahren hält sich das Interesse in Grenzen, Besucher kommen meist von weiter her. Immerhin finden über 100 Kunstfreunde zu einer Vernissage den Weg nach Ruchsen, zehn bis 20 sind es an den Öffnungstagen am Sonntag. Nicht schlecht für zeitgenössische Kunst.

Ob sich das Engagement in der Alten Fabrik rechnet? "Definitiv nicht", sagt Wernhild Baars. Die selbstständige Fotografin lebt in Langenbrettach. "Aber darum geht es auch nicht. Nur verstehen das die wenigsten", greift Jutta Rohwerder die Frage nach der Wirtschaftlichkeit auf. Ideell rechnet sich ihr Raum für Kunst auf dem Land sehr wohl.

Natürlich verkaufen sie während einer Ausstellung, "aber das ist nicht die Welt". Wie üblich, behalten die Kunstvermittlerinnen 30 Prozent des Verkaufspreises einer Arbeit. Viel wichtiger sind ihnen die Begegnungen mit Künstlerinnen und den Menschen, die die Fabrikstraße in Ruchsen als kleine, feine Adresse schätzen. Die für Mai geplante Ausstellung mit Holzschnitten, verfremdeten und übermalten Postkarten und einem raumgreifenden Bodenobjekt der niederländischen Künstlerin Dini Thomsen wurde coronabedingt abgesagt. "Wir hoffen, dass wir das Mitte Juli nachholen."

Vernissagen sind eine wichtige Kontaktbörse

Ohne Vernissage allerdings lohnt sich der Aufwand für eine private Initiative wie den Raum für Kunst nicht. Die Eröffnung ist wichtige Kontaktbörse, da reisen neben Kunstfreunden Sammler an und kommen Menschen ins Gespräch. Einmal im Jahr zudem veranstalten Baars und Rohwerder einen literarisch-musikalischen Abend. Neben dem Raum für Kunst mit dem auffallend gelben Boden hat die Malerin Xenia Muscat seit über 30 Jahren ein Atelier. Steht man auf dem Wellblechdach, hört man das Rauschen der Jagst und das Summen der Turbinen der Dreherei auf dem Gelände, die Werkteile für die Industrie produziert. Muscat ist nur noch selten in Ruchsen, anfangs war sie die Dritte im Bunde des bemerkenswerten Kunstprojekts.

Künstlerinnen aus Deutschland, Japan, Frankreich, den Niederlanden und anderswo haben sich von der Idee überzeugen lassen, hier in der Pampa auszustellen. "Es mag an unserem Konzept liegen. Aber auch an der Magie des Raumes."

Hintergrund: Ende der 80er Jahre mietet die Stuttgarter Malerin Xenia Muscat Räume in der Fabrikstraße 1 in Ruchsen an, wenig später mietet die Fotografin Wernhild Baars aus Langenbrettach einen Raum, den sie als Fotoatelier nutzt. Bei einer Ausstellung lernt sie die Künstlerin Jutta Rohwerder aus Düsseldorf kennen. Die drei Frauen beginnen mit dem Projekt Kunst in der Alten Fabrik Ruchsen, das heute als Raum für Kunst Baars & Rohwerder firmiert und zwei Mal im Jahr in den warmen Monaten Ausstellungen mit ausschließlich Künstlerinnen organisiert. www.raumfuerkunst-altefabrik.de


Claudia Ihlefeld

Claudia Ihlefeld

Autorin

Seit ihrem Volontariat bei der Heilbronner Stimme 1991 schreibt Claudia Ihlefeld überwiegend über regionale Kultur und Kulturpolitik, aber auch über nationale und internationale Kulturereignisse.

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