Musiker im Wartemodus

Region  Johannes Hehrmann, Geiger beim Württembergischen Kammerorchester Heilbronn und einer von fünf Sprechern der Orchesterkonferenz Baden-Württemberg, erzählt, was dieses Gremium verfolgt und wie sich der erneute Kultur-Lockdown anfühlt.

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"Mir ist wichtig, dass das Opfer, das die Kultur jetzt bringt, nicht in Vergessenheit gerät": Johannes Hehrmann.

Foto: Ralf Seidel

Mitte Oktober wurde Johannes Hehrmann auf dem Jahrestreffen der Orchesterkonferenz Baden-Württemberg (OKBW) als einer von fünf Sprechern für die kommenden drei Jahre bestätigt. Der gebürtige Hannoveraner und Geiger beim Württembergischen Kammerorchester Heilbronn ist Gründungsmitglied der OKBW und hat sich mit uns über das Gefühl eines Musikers im Wartemodus unterhalten.

Wer ist die Orchesterkonferenz Baden-Württemberg, Herr Hehrmann?

Johannes Hehrmann: Die OKBW ist der Zusammenschluss gewählter Vertreter der 16 Kulturorchester Baden-Württembergs sowie dem SWR Vokalensemble Stuttgart. Also alle öffentlich geförderten Profiorchester vom Kammer- bis zum Staatsorchester. Die OKBW vertritt die Interessen von über 1000 Berufsmusikern im Land. Wir wollen uns besser vernetzen und in direkte Kommunikation mit der Politik treten, auch mit der kommunalen Politik. Schließlich werden alle vertretenen Ensembles öffentlich gefördert.

Auf Ihrem Jahrestreffen haben Sie an Ihr Publikum appelliert: "Kommen Sie in unsere Konzerte und Aufführungen, denn Musik verbindet - trotz Abstand." Damit ist wieder Schluss.

Hehrmann: Wir sind in eine Art Notfallmodus versetzt worden. Eine Perspektive werden wir erst haben, wenn die Infektionszahlen sinken.

Wie verhältnismäßig ist der erneute Kultur-Lockdown, während wir weiterhin durch Einkaufszentren bummeln dürfen und zum Frisör?

Hehrmann: Der Lockdown ist für die Kultur ein schwerer Schlag: Wenn man nicht mehr auftreten darf, ist das hart. Wir müssen abwarten und darauf vertrauen, dass diese Maßnahmen jetzt auch wirken.

Ist es sinnvoll, Konzerte zu verbieten?

Hehrmann: Das ist nicht die Frage. Es gibt jetzt diese Verordnung - und wir müssen wieder dahin kommen, unsere strengen Hygienemaßnahmen anwenden zu können.

Zur Person

1974 in Hannover geboren, studierte Johannes Hehrmann Geige in Trossingen, Cincinnati und Stuttgart sowie beim Tokyo String Quartet und dem Melos Quartett. Es folgten Meisterkurse bei Dorothy DeLay, Peter Oundjian, Joseph Silverstein und dem Artemis Quartett. Seit 2004 ist er Mitglied im WKO Heilbronn. 2017 ist er Gründungsmitglied der Orchesterkonferenz Baden-Württemberg. Sein Repertoire umfasst Werke des frühen Mittelalters bis hin zu experimenteller elektronischer Musik. Johannes Hehrmann lebt mit seiner Frau und zwei Kindern in Heilbronn.

Andere Kulturschaffende formulieren da offensiver.

Hehrmann: Kultur ist ja immer ein ganz großer Begriff. Wir Orchestermusiker als Teil der öffentlich geförderten Kultur sind noch in einer vergleichsweise komfortablen Situation. Anders als Freischaffende und Soloselbstständige, deren Existenz gefährdet ist. Diese Kollegen aber brauchen wir: als unsere Orchesteraushilfen, Gastsolisten, Dirigenten.

Und was tun Sie in dieser stillen Zeit?

Hehrmann: Wir sind auf Abruf und müssen fit sein. Wir dürfen proben, das schließt auch die Produktion von CDs ein. Was aus dem Lot geraten ist, ist die Planungssicherheit. Das ist ein Riesenproblem. Und kostet sehr viel Zeit. Wann spielen wir wieder öffentlich und wenn nicht, was dann? Die Disposition ist ein hochkompliziertes Puzzle. Wir befinden uns in einer Phase der Reaktion auf ständige Veränderungen. Das ist auf Dauer kein Zustand.

Herr Hehrmann, rechnen Sie damit, dass das WKO im Dezember wieder vor Publikum spielt?

Hehrmann: Natürlich wünsche ich mir das sehr. Ich wünsche das jedem Orchester und den Zuhörern. Aber ich möchte nicht Orakel sein. Diese Gedanken kosten mich Kraft, die ich für anderes brauche. Mir ist wichtig, dass das Opfer, das die Kultur jetzt bringt, nicht in Vergessenheit gerät und uns später zum Nachteil wird.

Was heißt zum Nachteil?

Hehrmann: Zum Nachteil der Programmplanung und der zukünftigen Förderung. Eine verlässliche Förderung brauchen wir mehr denn je. Das wäre gelebte Solidarität gegenüber den Kulturschaffenden.


Claudia Ihlefeld

Claudia Ihlefeld

Autorin

Seit ihrem Volontariat bei der Heilbronner Stimme 1991 schreibt Claudia Ihlefeld überwiegend über regionale Kultur und Kulturpolitik, aber auch über nationale und internationale Kulturereignisse.

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