Malerin Christiane Reyle wird 70 Jahre alt

Warum die Farbe für Christiane Reyle im Laufe der Jahre immer wichtiger wird und die Form reduziert: Eine Reisende zwischen Ungarn und Heilbronn mit Bodenhaftung.

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Expressive Stimmungslandschaften: Die Malerin Christiane Reyle.

Foto: Archiv

Eigentlich wäre sie am Samstag nach Ungarn gefahren, wo sich Christiane Reyle in einem gottverlassenen Dorf im ehemaligen Haus des Bürgermeisters eine zweite Heimat aufgebaut hat und den Traum eines großen Tageslichtateliers verwirklicht. Seit 1993 pendelt die Malerin zwischen Tözzeggyarmajor nahe des Neusiedler Sees und der Grenze zu Österreich und Heilbronn und Flein, wo Reyle und ihr Mann leben. Wenn die umtriebige Künstlerin nicht unterwegs ist.

Eine Reisende mit Bodenhaftung möchte man die gebürtige Heilbronnerin nennen. Wie vielen hat Corona ihr einen Strich durch die Rechnung gemacht, seit März hat sie wieder ein Atelier im Kunst- und Kulturwerkhaus der Zigarre. Wenige Male ist sie nach Ungarn gefahren, jetzt aber möchte sie nicht riskieren, danach in Quarantäne zu müssen. So sind in den letzten Monaten viele neue Bilder hier entstanden, wenn Frühaufsteherin Reyle alleine in der Zigarre zu Gange war und ist.

Eine Frau voll kreativem Eigensinn

"Ich arbeite nicht auf eine Ausstellung hin, sondern für mich. Das war immer schon meine Einstellung. Mal sehen, was sich daraus ergibt." Nach ihrem Kunststudium in Stuttgart ist sie lange Jahre in der Heilbronner Kunstszene aktiv, Anfang der 90er Jahre zieht es sie nach Marokko. Verstärkt übernimmt seither die Farbe die Funktion der Form. Dass Reyle dabei ihr Gespür für den formalen Aufbau nicht aufgibt, ist kein Widerspruch. 1993 entdeckt sie ihr Bürgermeisterhaus bei Fert'd. Eine Frau voll kreativem Eigensinn, was ihre kraftvollen Bilder eindrücklich wiedergeben.

"Die Farbe ist für mich das Wichtigste", sagt Christiane Reyle. "So kann ich experimentieren und die Form weiter reduzieren." Auf ihren Leinwänden wirkt das lebhafte Wuchern in pastosem Farbauftrag wie der Blick von oben auf eine explosive Flora. Üppige Kompositionen, als habe Reyle ihre Spielart des abstrakten Expressionismus gefunden, jener Strömung der US-Malerei, die durch die New York School seit den späten 40er bis in die 60er Jahre für Furore sorgte.

"Natur und Landschaft sind wichtig für mich"

Mit der bloßen Hand, ihrer bevorzugten Technik, aber auch mit dem Pinsel trägt Reyle Schicht um Schicht auf, wischt mitunter wieder ab, um neue Farbe nachzulegen. So entstehen Stimmungslandschaften, eine Art gemäßigtes Action Painting, getrieben von Emotion, Spontanität und dem neugierigen Experiment mit Farbe. "Natur und Landschaft sind wichtig für mich", sagt sie, ohne zu idealisieren.

Für eine Ausstellung im Künstlertreff Pfaffenhofen vor vier Jahren griff die Malerin beherzt zu den Acrylfarben ihres renommierten Sohnes, dem Maler Anselm Reyle aus Berlin, die der bei einem seiner Besuche im Atelier der Mutter gelassen hatte: Dieses spezielle Türkis zum Beispiel, Gelbtöne, Aquamarin.

Im Moment stellt Christiane Reyle ihre Farben wieder selbst her, löst Harz in Terpentinbalsam, mischt verschiedene Öle dazu, Pflanzen, Quark, Ei und die entsprechenden Pigmente. Am Montag wird die engagierte Künstlerin 70 Jahre alt.


Claudia Ihlefeld

Claudia Ihlefeld

Autorin

Seit ihrem Volontariat bei der Heilbronner Stimme 1991 schreibt Claudia Ihlefeld überwiegend über regionale Kultur und Kulturpolitik, aber auch über nationale und internationale Kulturereignisse.

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