Leuchtende Installation bei der Neuen Kunst im Hagenbucher

Heilbronn  "No name": Die Künstlerin und Bühnenbildnerin Beatrix von Pilgrim inszeniert die Räume der Künstlerwohnung der Neuen Kunst im Hagenbucher in der Kleiststraße in Heilbronn.

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"No name" nennt Beatrix von Pilgrim ihre Installation aus Objekten und Zeichnungen in der Künstlerwohnung in der Kleiststraße in Heilbronn.

Foto: Tina Schulze

Als Beatrix von Pilgrim "Die unsichtbaren Städte" von Italo Calvino in die Hände bekam, dachte sie, "das passt auf unsere Zeit. Man kann nicht reisen, beziehungsweise, man kann in Gedanken reisen".

Das Buch des italienischen Autors aus dem Jahr 1972 umfasst 55 kurze Texte und skizziert mit knappen Worten fiktive Städte. Miniaturen, die von Pilgrim inspiriert haben zu ihrer jüngsten Arbeit, die in der Künstlerwohnung der Neuen Kunst im Hagenbucher in der Kleiststraße zu sehen ist. Zur Eröffnung am Samstag unter strengen Coronaregeln - maximal drei Personen durften eintreten - ist die Szenografin mit ihrer installativen Arbeit gerade fertig geworden: eine räumliche Erinnerung, entstanden in wenigen Tagen im Licht von Heilbronn.

Von Pilgrim bezieht sich stets auf bestimme Orte

"Ich beziehe mich immer auf spezifische Orte," sagt die Künstlerin. Vor vier Jahren hat Beatrix von Pilgrim, Jahrgang 1959, hier in der Kleiststraße schon einmal die Räume in Szene gesetzt. Dass Pilgrim, die in Braunschweig lebt, vom Theater kommt, ist greifbar. Als Bühnenbildnerin und Ausstatterin ist sie gefragt, war zum Berliner Theatertreffen eingeladen, hat für die Salzburger Festspiele gearbeitet und gemeinsam mit der Autorin Ingrid Lausund lausundproductions gegründet. Lausunds nächstes Stück ist beim Suhrkamp Verlag bereits annonciert, die Ausstattung der Uraufführung wird von Pilgrim machen.

Inzwischen zieht es Beatrix von Pilgrim vor, mit freien, auch unbekannten Regisseuren zu arbeiten: Sie hat die chauvinistischen Strukturen an deutschen Theatern satt. Nischen wie die Neue Kunst im Hagenbucher schätzt sie umso mehr. "No name" nennt sie ihre Szenerie aus Objekten und Zeichnungen zum Soundtrack von Josef van Ooyen. Der Cutter von Dokus hat Alltagsgeräusche komponiert, als wiederkehrendes Motiv fungiert die "Barcarole" aus Offenbachs "Hoffmanns Erzählungen".

Die Idylle trügt

Aus einem weißpapiernen, leuchtenden Kubus erklingt Meeresrauschen. "Dissonanzen einer inneren Welt", sagt von Pilgrim, die weiß, dass die Idylle immer trügt. Wie ein fensterloser Backsteinbau dominiert der federleichte Kubus die Wohnung. Und bildet das Scharnier zwischen den Räumen, wo weitere Objekte und Zeichnungen Bilder und ganze Filmsequenzen assoziieren, zusammen mit Stimmen, die an eine Flughafenhalle erinnern, Geschirrgeklapper, Babygebrüll.

Individuelle Besichtigung

Kleiststraße 17, nach telefonischer Vereinbarung 07131/163194

Die Abkürzung N. N. wird in Texten und Ankündigungen als Platzhalter für Personennamen verwendet, das lateinische Nomen nominandum steht für noch zu nennender Name. Im Kontext der Künstlerwohnung verweist "No name" auf die Unbehausten, auf unsichtbare Menschen, Flüchtende, auf Tote.

"In den umliegenden Häusern leben Flüchtlinge", stellt Beatrix von Pilgrim nüchtern fest und deutet auf die Sichtachsen der quadratischen Wohnung, die den Durchblick auf die Kleiststraße sowie auf den Hinterhof gewähren. Dass es sich beim Reisen mitunter um unfreiwilliges Reisen handelt, sollte nicht vergessen werden. Unaufdringlich, geheimnisvoll, poetisch wie alle inszenierten von-Pilgrim-Orte, gerät "No name" zu einem Gesamtkunstwerk.

 

 


Claudia Ihlefeld

Claudia Ihlefeld

Autorin

Seit ihrem Volontariat bei der Heilbronner Stimme 1991 schreibt Claudia Ihlefeld überwiegend über regionale Kultur und Kulturpolitik, aber auch über nationale und internationale Kulturereignisse.

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