Lars Eidinger besticht als Jedermann bei den Salzburger Festspielen

Salzburg  Wenn der Tod ins Leben tritt: Zwischen barocken Passionsspielen und Trash-Party trifft die genderfluide Regie von Michael Sturminger den Kern von Hugo von Hofmannsthals Sterben des reichen Mannes. Eine zeitgemäße Inszenierung, die mit Mavie Hörbiger, Edith Clever und Angela Winkler auch in den Nebenrollen hochkarätig besetzt ist.

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Kaum hat der Tod nach zwei Stunden Jedermann ganz zart geküsst und ihm die Augen geschlossen, bricht Jubel aus. Stehende Ovationen für Lars Eidinger und das Ensemble. Und für die Neuinszenierung von Hugo von Hofmannsthals "Jedermann", mit dem die Salzburger Festspiele am Samstag gestartet sind.

Zwar hat Starkregen die Premiere vom Domplatz ins Festspielhaus verbannt, der Begeisterung für diese Neudeutung tut das keinen Abbruch. Wenngleich man sich mulmig fühlen mag inmitten des dicht an dicht platzierten Publikums ohne Maske und Abstand. Sie zu tragen, hatte zu Beginn die Stimme von Festspielpräsidentin Helga Rabl-Stadler aus dem Off empfohlen, die aller wenigsten kümmert das.

Für Eidinger geht ein Lebenstraum in Erfüllung

Als fromm und schwierig gilt Hofmannsthals Moralität vom Sterben des reichen Mannes, das Stück hat keinen guten Ruf. Thomas Ostermeier, sein Intendant an der Berliner Schaubühne, soll Eidinger gebeten haben, die Rolle nicht zu spielen. "Er irrt sich da, er verkennt das Stück", meint Eidinger, für den "ein Lebenstraum in Erfüllung" geht.

Bühnenberserker Eidinger, der auch als DJ auftritt und Taschen designt, reiht sich also in die Ahnengalerie bedeutender deutschsprachiger Schauspieler ein und schlüpft in die Rolle, die Klaus Maria Brandauer einmal mit dem Auftreten des Faschingsprinzen von Salzburg verglich. Michael Sturmingers Regie straft alle Vorurteile Lügen und das, obwohl seine "Jedermann"-Inszenierung der letzten vier Jahre recht fade war und mit Tobias Moretti in der Titelrolle so gar nicht funktionierte.

Eine Bilderflut mit Witz und dosiertem Pathos

Bis in die Nebenrolle hochkarätig besetzt - aber was heißt schon Nebenrolle, hier ist jede Figur von Bedeutung - gerät der Abend zum Genremix aus barockem Passionsspiel und genderfluider Trash-Party. Ohne den Kern der Geschichte zu verraten. Selten wurde die Frage, was passiert, wenn der Tod ins Leben tritt, so aufrichtig verhandelt, mit Witz und dosiertem Pathos. Und einer Bilderflut, die mit Identitäten und Rollenzuschreibungen spielt und lustvoll Selbstinszenierungen der US-Künstlerin Cindy Sherman zitiert (Bühne und Kostüme: Renate Martin, Andreas Donhauser). Musikalisch begleitet wird das aufgekratzte Vexierspiel vom famosen Ensemble 021 aus Streichern, Trompete, Gitarre und Perkussion.

Eidinger ist ein vielschichtiger Jedermann, grandios, wie sich aus dem selbstgefälligen Großkotz ein verstörter, verletzlicher, ängstlicher Mann schält. Dass unsere in den Augenblick verliebte Gesellschaft den Tod verdrängt, daran dürften weder Corona noch Flutkatastrophen vor der eigenen Haustür etwas ändern. Diese Story ist eine Parabel unserer Zeit.

Gott hat die Faxen dicke

"Klimazerstörern keine Bühne bieten", fordern Demonstranten vor dem Festspielhaus, was auf die Hauptsponsoren Audi und Siemens zielt, während drinnen Mavie Hörbiger als Gott die Faxen dicke hat vom gewinnsüchtigen Treiben der Menschen. Hörbigers resoluter Gott beauftragt den Tod, Jedermann aufzutreiben. Jetzt muss er sich verantworten. In der Doppelrolle als Teufel gibt es für Hörbigers hintersinnigen Beelzebub später Szenenapplaus.

Auch Edith Clever als Tod ist eine Glanzbesetzung. Die Begegnung mit Jedermann, wenn der um Aufschub bettelt, sitzt. Großes Theater und das scheinbar beiläufig bietet Angela Winkler als Jedermanns Mutter mit unverändert eindringlicher Mädchenstimme.

Filmreife Szenen im Boxring

Über Verena Altenbergers Buhlschaft wurde viel spekuliert. Spielt sie mit raspelkurzem Haar oder Perücke? Mit Bubikopf und feuerrotem Hosenanzug gibt sie die selbstbewusste Frau. Bei aller Zuneigung will auch sie den Geliebten nicht in den Tod begleiten. Jeder stirbt für sich allein. Bis es soweit kommt, wird verführt zur wummernden Bassgitarre und absolviert Jedermann all die Begegnungen, die das Stück vorsieht. Mit Mirco Kreibich als Schuldknecht liefert sich Eidinger - im Fatsuit mit weißen Brüsten, halb nackt und mit blauen Stiefeletten - filmreife Szenen im Boxring.

Jedermanns Schuldner ist aber auch der Mammon, das Vermögen, das er nicht mitnehmen kann und ihn vorführt in seiner letzten Stunde: eine symbolträchtige Doppelrolle. Als distanzierte Madonna ist Kathleen Morgeneyer der Glaube, die allegorische Figur der Guten Werke wird auf neun Personen verteilt. Wie die Gottesmutter Maria in Pietà-Darstellungen den Leichnam Jesu hält, wiegt der Tod Jedermann. Ein starkes Schlussbild.

Seit die Salzburger Festspiele am 22. August 1920 mit Hugo von Hofmannsthals "Jedermann" begründet wurden, haben in bisher 730 Aufführungen große deutschsprachige Schauspieler die Titelrolle gespielt. Uraufgeführt wurde das Stück 1911 im Berliner Zirkus Schumann. Lars Eidinger folgt auf Jedermann-Darsteller wie Peter Simonischek, Ulrich Tukur, Gerd Voss, Curd Jürgens, Maximilian Schell, Klaus Maria Brandauer oder Will Quadflieg. Geboren 1976 in Berlin, absolvierte er die Ernst-Busch-Schauspielschule und ist seit 1999 Ensemblemitglied der Schaubühne sowie in Kino- und Fernsehprodukionen zu sehen wie "Babylon Berlin". Nun dreht er seinen ersten Film in Hollywood. Mit seiner Frau und Tochter lebt Eidinger in Berlin.

 

Claudia Ihlefeld

Claudia Ihlefeld

Autorin

Seit ihrem Volontariat bei der Heilbronner Stimme 1991 schreibt Claudia Ihlefeld überwiegend über regionale Kultur und Kulturpolitik, aber auch über nationale und internationale Kulturereignisse.

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