Künstlerin Ayse Erkmen erhält Ernst-Franz-Vogelmann-Preis für Skulptur

Heilbronn  Keine eindeutig einfachen Antworten geben: Die Kunsthalle Vogelmann widmet der Preisträgerin und Konzeptbildhauerin eine Ausstellung. Erkmen arbeitet überwiegend ortsbezogen und hat ein Projekt für die Adolf-Cluss-Brücke entwickelt.

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Für die Neckarspitze an der Adolf-Cluss-Brücke hat Ayse Erkmen Bronze-Bojen entworfen. Corona hat die Realisierung vorerst auf Eis gelegt.

Foto: Städtische Museen Heilbronn

Ayse Erkmen ist eine Künstlerin ohne Atelier. Wie das geht? "First of all by thinking", sagt Erkmen lapidar, über Gedanken nähert sie sich einem neuen Projekt.

"Wenn ich einmal eine Idee habe, versuche ich, eine Lösung zu finden". Und die ist immer skulptural. Zur Ausführung geht Erkmen dann in ein professionelles Studio, wo sie mit unterschiedlichen Materialien und Medien arbeitet.

Minimale Mittel, maximale Wirkung: So funktioniert ihre Kunst, die die klassische Vorstellung von Bildhauerei sprengt. Jetzt erhält Ayse Erkmen den Ernst-Franz-Vogelmann-Preis für Skulptur, der zum fünften Mal vergeben wird, erstmals an eine Frau. Zudem widmen ihr die Städtischen Museen Heilbronn eine Ausstellung ab kommenden Freitag in der Kunsthalle Vogelmann.

"Meine Arbeit ist für den Kunstmarkt nicht interessant"

Wer Arbeiten der Konzeptbildhauerin Erkmen kennt, versteht ihre Vorgehensweise, sich einem Ort und seiner Geschichte und Gegenwart zu nähern. Ihre Interventionen sind raumbezogen, in sito, und verschwinden nach einer Zeit: temporäre Eingriffe in den öffentlichen Raum, die vermeintlich Nebensächliches ins Bewusstsein rücken. "Meine Arbeit ist für den Kunstmarkt nicht interessant", sagt sie im Gespräch mit unserer Zeitung.

Seit im Herbst bekannt wurde, dass sie mit dem Ernst-Franz-Vogelmann-Preis ausgezeichnet wird, war Ayse Erkmen einige Male in Heilbronn, einen ortsspezifischen Entwurf zu entwickeln. Ihre Bojen aus Bronze für die Neckarspitze der Adolf-Cluss-Brücke konnten coronabedingt nicht realisiert werden. Erkmen hofft, dass das Projekt 2021 verwirklicht wird. Wasser spielt in ihrem Werk immer schon eine Rolle, ein Grund mag die prägende Präsenz des Bosporus in ihrer Heimatstadt Istanbul sein. Dabei versteht Erkmen Wasser als Material, als skulpturales Fluidum.

Das Gesamtwerk einer der spannendsten Gegenwartskünstlerinnen

Wann ist etwas eine Skulptur? "Keine leichte Frage", überlegt Ayse Erkmen. "Ich spüre, dass es eine Skulptur ist, wenn es Material hat und dreidimensional ist." Diesen Sonntag reist sie nach Heilbronn, um letzte Hand anzulegen an der Ausstellung in der Kunsthalle, die sie gemeinsam mit dem Museum geplant hat: eine Schau, die das Gesamtwerk einer der spannendsten Gegenwartskünstlerinnen würdigt.

Die Künstlerin Ayse Erkmen erhält den Ernst-Franz-Vogelmann-Preis für Skulptur
Zur Person: Die Konzeptbildhauerin Ayse Erkmen, 1949 in Istanbul geboren, lebt in Berlin und in Istanbul. Sie studierte Bildhauerei an der Staatlichen Kunstakademie Istanbul. Erkmen war Gastprofessorin an der Städelschule in Frankfurt und an der Kunstakademie Münster, wo sie dann die Professur für Bildhauerei in Nachfolge von Guillaume Bijl übernahm. 2011 vertrat Ayse Erkmen die Türkei auf der Biennale von Venedig. Foto: Yüksek

Der Unterschied zwischen Orient und Okzident ist nicht ihr Thema. Dass indes der weibliche Blick ein anderer ist als der männliche, steht für Ayse Erkmen außer Frage. "Frauen haben ein neugierigeres Auge auf die Fülle und die Geheimnisse des Lebens, ihre Lebenswelten sind komplexer."

Der weibliche Blick ist neugieriger

Seit Anfang der 90er Jahre pendelt Ayse Erkmen zwischen Istanbul und Berlin, seit dem Lockdown war sie nicht mehr in der Türkei. Wo sie sich zu Hause fühlt? "An beiden Orten." Berlin gibt ihr die Freiheit, zu arbeiten, in Istanbul spürt sie die Energie der Stadt, in der sie aufgewachsen ist und wo sie einst klassische Bildhauerei studiert hat. Ende der 60er und in den 70er Jahren, erinnert sie sich, habe sich niemand in der Türkei für ihre Arbeit interessiert, was ihr die Freiheit gab, kreativ zu sein in einem Land, "in dem wir nie wirklich Freiheit hatten".

Wo der schmale Grat verläuft zwischen Kunst und Nicht-Kunst? "Das versuche ich, in meiner Arbeit herauszufinden." Kunst als ein Zustand dazwischen, etwas, worüber der Betrachter sich wundert und sich fragt, ob hier nicht etwas vergessen wurde. Etwa die signalfarbenen Ringe und Kugeln in der bizarren Felslandschaft Kappadokiens, die Schriftzüge "Am Haus" in der Berliner Oranienstraße. Oder zwei Tiger, denen sie einst ein kurzfristiges Zuhause in einer ehemaligen Kokerei in Essen bot: Erkmens Arbeit ist subtil, formal vielseitig, ästhetisch souverän, radikal. So ließ sie anlässlich der SkulpturProjekte Münster 1997 einen Helikopter über dem Dom kreisen mit angegurteten, kriegsbeschädigten Skulpturen und brachte auf diese Weise Sammlungsobjekte des Landesmuseums in Bewegung. Die katholische Kirche war nicht begeistert über ihre "Sculptures On The Air", doch der Luftraum über St. Paulus ist frei.

Übers Wasser laufen

Die Künstlerin Ayse Erkmen erhält den Ernst-Franz-Vogelmann-Preis für Skulptur

Spiel mit Wahrnehmung und Form und der geheimnisvollen Alchemie des Patinierens: "Not the color it is", Bronze, 2020.

Foto: Isik Kaya

Ihre Aktionen versteht Ayse Erkmen als Statement, ohne explizite Botschaft. "I won"t make it so clear", sie mag es nicht so eindeutig, vielmehr lenkt sie das Augenmerk auf Verdecktes, greift dafür in vorhandene Strukturen ein und verändert deren Abläufe und Funktionen. Wie bei ihrem Beitrag für die Skulptur Projekte Münster vor drei Jahren, als Erkmen im Binnenhafen zwischen dem Nord- und dem Südkai knapp unter der Wasseroberfläche einen Steg installierte. Die Besucher liefen über das Wasser und wurden zu Akteuren auf der von Erkmen inszenierten Bühne.

Als Studentin hatte sie ihre Arbeiten, waren sie fertig und benotet, ins Meer geworfen, weil sie keinen Platz dafür hatte. Heute lagert ihre Kunst, wenn sie nicht flüchtig ist, in Depots in Istanbul und Berlin, in den Galerien, mit denen sie arbeitet, und zu Hause. Das Bedürfnis, frei von Erwartungsdruck zu arbeiten, ist geblieben. Und ihre Skepsis gegenüber einem Kunstmarkt und Institutionen, die Ansprüche an einen Künstler stellen.

 

 

Claudia Ihlefeld

Claudia Ihlefeld

Autorin

Seit ihrem Volontariat bei der Heilbronner Stimme 1991 schreibt Claudia Ihlefeld überwiegend über regionale Kultur und Kulturpolitik, aber auch über nationale und internationale Kulturereignisse.

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