Künstlergruppe BMP stellt im Literaturhaus Heilbronn zu Ludwig Pfau aus

Heilbronn  In Videoinstallationen und druckgrafischen Unikaten unternimmt die Künstlergruppe BMP hintersinnige Reisen zu Ludwig Pfau. Weitere Projekte zum widerständigen Heilbronner, Dichter, Revolutionär und Kunstkritiker folgen noch.

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Projektionsfläche Reisekoffer: Im Inneren des Deckels sind Kurzfilme zu sehen.

Mit dem widerständigen Heilbronner, Dichter, Revolutionär und Kunstkritiker, der selbst zeichnete, beschäftigt sich die Künstlergruppe BMP schon länger. Seit Sommer letzten Jahres prangt in einer Fensterausstellung an der Backsteinfassade der Zigarre in der Achtungstraße, wo BMP ihr Atelier unterhalten, eine mehrere Meter hohe, comicartige Umsetzung von Ludwig Pfaus Monarchie-Satire, dem Gedicht "König Humbug".

BMP, das sind Detlef Bräuer, Karl May und Uli Peter, drei Heilbronner Künstler, die seit 1991 unter diesem Label zusammenarbeiten. Mit ihrem Wettbewerbsbeitrag zur Eröffnung des Literaturhauses im Juli 2020 - einem Kurzfilm über Pfaus Pariser Exil - haben sie das Interesse von Literaturhausleiter Anton Knittel geweckt. Ob sie nicht noch Ideen hätten, wie man im Ludwig-Pfau-Jahr nonchalant an das bewegte Leben und Werk des am 25. August 1821 geborenen Publizisten, Exilanten und Politikers erinnern könne? Und ob sie welche hatten, eine neue Ausstellung im Trappenseeschloss ist der augenscheinliche Beweis, weitere Projekte folgen noch.

Der feingeistige, mitunter schrullig-pedantische Verfechter von Demokratie und Freiheit, der sich wegen "Obrigkeitsschelte" immer wieder vor Gericht verantworten musste und doch zum Ehrenbürger seiner Geburtsstadt ernannt wurde, liefert BMP die Steilvorlage, Stationen seines Lebens fortzuspinnen: Drei weitere Kurzfilme sind entstanden, satirische Literaturreisen zu Pfau, sowie farbige druckgrafische Unikate, die eine wenig bekannte Facette Pfaus variieren. Da der Gärtnersohn als Volontär in einer Gärtnerei in Corbeilles arbeitete, bevor er ins nahe gelegene Paris zog, haben BMP jede Menge Rosen und andere Pflanzen, aber auch Obst und Gemüse in der Technik der Monotypie gedruckt, die Malerei, Zeichnung und Grafik verbindet. Eine Auswahl ist im ersten Stock im Literaturhaus zu sehen.

Ausstellungsdauer  

Bis Ende Dezember zu den Öffnungszeiten des Literaturhauses, Eintritt frei. www.literaturhaus.heilbronn.de

Satirische Kurzfilme haben BMP in all den Jahren immer wieder gedreht. Ihre fünf bis zehnminütigen Streifen zu Pfau sind nun besonders pfiffige Miniaturen mit hintersinnigem Subtext. Projiziert auf die Innenseite des Deckels eines geöffneten Koffers - original nachempfunden den Reisekoffern aus dem 19. Jahrhundert -, werden Szenen aus Ludwig Pfaus Leben fiktiv nachgestellt. Eine Collage aus Animationen, historischem Material und realer Verfilmung mit BMP als Protagonisten, die mit Ludwig Pfau in dessen Elternhaus verabredet sind, ihn eher zufällig auf der Flucht nach Bad Wimpfen entdecken, ihn in Paris gezielt besuchen. Und schließlich seinem Vermächtnis im Jahr 2021 auf surrealen Wegen wiederbegegnen.

Im Prolog fertigt Pfau im Haus seiner Kindheit und Jugend, gedreht in den Treppenfluchten der Zigarre und einem der Ateliers, für BMP eine Zeichnung seiner Vignette und seines Leitspruchs Superbus Magnis - Parvis Modestus (Stolz gegen die Großen, bescheiden gegen die Kleinen). Am Vorabend hat der 27-jährige Pfau auf dem Heilbronner Marktplatz bei der Totenfeier für den in Wien erschossenen Dichter, Revolutionär und Politiker Robert Blum eine brillante Rede gehalten. Auch Bräuer, May und Peter waren beim Trauerzug dabei.

Künstlergruppe BMP stellt im Literaturhaus Heilbronn zu Ludwig Pfau aus

Die Heilbronner Künstler (von links) Uli Peter, Detlef Bräuer und Karl May alias BMP spinnen in ihrer Ausstellung Lebensstationen Ludwig Pfaus fort.

Fotos: Mario Berger

Auf subtile Weise und mit Witz begegnen sie dem scheinbar omnipräsenten Pfau weitere Male in ihren Fantasy-Filmen, die pseudo-dokumentarisch und künstlerisch verspielt Möglichkeiten des Kunstvideos ausloten, indem sie Episoden aus Pfaus Leben persiflieren - und ernsthaft zur Diskussion stellen.

"Die trauernde Blume" etwa erzählt, wie Pfau vergeblich vor seiner Flucht noch einmal versucht, seine Jugendliebe Minna Widmann am Sülmertor zu treffen. Im Video "Badisches Wiegenlied" hört man eine hohe Mädchenstimme "Schlaf", mein Kind, schlaf leis"" singen, "Dort draußen geht der Preuß", Deinen Vater hat er umgebracht, Deine Mutter hat er arm gemacht, Und wer nicht schläft in guter Ruh", Dem drückt der Preuß" die Augen zu" - während sich verstörende Bilder der Gegenwart überblenden: Protestszenen aus Hongkong, Belarus, zu Black Live Matters und anderen Freiheitsbewegungen.

Weitere Projekte

Teil weiterer Projekte und Aktionen der Heilbronner Künstlergruppe BMP ist eine Ausstellung, die am Samstag auf der Inselspitze eröffnet wird mit Bozzetti, also Entwürfen, und Zeichnungen für ein mögliches Denkmal für Ludwig Pfau. Ein Scherz? "Ein Gedankenspiel", sagt der Künstler Detlef Bräuer. Fertiggestellt und einsatzfähig ist das Modell für eine Pfau-Treppe, nachempfunden dem balzenden Gefieder eines Pfauen-Rades. Das drei Meter hohe Objekt, demontierbar und transportierbar, dient als Wanderbühne zum Vortrag von Pfau-Texten. Die Sprecherin und Diseuse Kerstin Müller wird damit in loser Folge in diesem Sommer an markanten Stellen der Innenstadt zu erleben sein.

 

 

Claudia Ihlefeld

Claudia Ihlefeld

Autorin

Seit ihrem Volontariat bei der Heilbronner Stimme 1991 schreibt Claudia Ihlefeld überwiegend über regionale Kultur und Kulturpolitik, aber auch über nationale und internationale Kulturereignisse.

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