Wolfgang Kohlhaase blickt mit Rührung auf seinen Film "Solo Sunny"

Heilbronn  Warum einer der wichtigsten deutschen Drehbuchautoren den Defa-Kultfilm heute nach 40 Jahren genauso machen würde: Wolfgang Kohlhaase kommt trotz Berlinale zur Präsentation von "Solo Sunny" ins Arthaus Heilbronn.

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Woher er die Ideen für seine Drehbücher nimmt? "Gehe raus vor die Tür und sehe, was Leben ist": Wolfgang Kohlhaase beim Gespräch in Heilbronn.

Foto: Dennis Mugler

Als Wolfgang Kohlhaase vor einem halben Jahr einen freundlichen Brief vom Theater Heilbronn bekam, hatte er in dem Moment vergessen, dass zeitgleich Berlinale sein würde - und der Einladung zugesagt. Natürlich ist der Drehbuchautor jetzt auch gekommen zur Präsentation von "Solo Sunny": jenes Defa-Kultfilms, der vor 40 Jahren im Osten wie im Westen die Kinos füllte, wenige Wochen nach Erscheinen in der DDR auf der Berlinale lief - und nun im Rahmen von "Erinnerung ist Liebe zur Zukunft", der Reihe, mit der das Theater in Kooperation mit den Arthaus-Kinos an den Fall der Mauer vor 30 Jahren erinnert.

"Solo Sunny" von Regisseur Konrad Wolf bekam 1980 auf der Berlinale den Spezialpreis der Kritik und Renate Krößner den Silbernen Bären. Eine der Mitkonkurrentinnen um die Trophäe für die beste weibliche Darstellerin damals war US-Schauspielerin Geraldine Chaplin. Ein großer Erfolg auch für Co-Regisseur Kohlhaase. Ein Erfolg von vielen für den international ausgezeichneten Drehbuchautor, der sowohl in der DDR als auch nach der Wende im wiedervereinten Deutschland Filmgeschichte(n) schrieb.

"Das Schöne am Filmemachen: Man kommt in alle Ecken der Welt"

Groß, aufrecht, elegant im dunklen Mantel, sitzt Wolfgang Kohlhaase bei einer Apfelschorle und erzählt konzentriert lebendig, zuvorkommend höflich, bevor der Filmabend im Arthaus beginnt. In wenigen Tagen wird er 89 Jahre. Zwei Filme auf der Berlinale hat er zum Auftakt gesehen. Natürlich wird er, wenn er zurück ist in Berlin, weitere ansehen. Jetzt aber, hier in Heilbronn, freut er sich über das Interesse. "Das Schöne am Filmemachen ist: Man kommt in Ecken der Welt und trifft Leute, die man sonst nicht träfe." Dass es mehr Festivals gibt als gute Filme, steht für ihn außer Frage. Die Berlinale? "War ein Ort, der sich als die glitzernde Mitte eines anders Systems verstand", dabei als Ort des Austauschs für Filmschaffende immer wichtiger wurde.

"Mich hat das Kino der Bundesrepublik nicht interessiert bis zum Manifest von Oberhausen 1962." Also bis zur Absage an die Idylle im Film, die seine Sache nicht ist. Wolfgang Kohlhaase erzählt vom Alltag, von den Rändern der Gesellschaft, mit viel Verständnis für seine Figuren und in lakonischem Ton.

Der Künstlertraum vom großen Erfolg

Sunny, eigentlich Ingrid Sommer, hat die Arbeit in ihrem Betrieb aufgegeben, um sich der Karriere als Sängerin zu widmen. Sie lebt in einer abbruchreifen Hinterhofwohnung am Prenzlauer Berg und tingelt mit ihrer Band als Teil eines stehenden Programms namens "Kunterbunt und immer rund" über Dörfer und Kleinstädte. Sie träumt den Künstlertraum vom Erfolg. Reales Vorbild für die Figur war Wolfgang Kohlhaase die Nachtclubsängerin Sanije Torka. Sunny sehnt sich nach Glück und Anerkennung, in der Tingeltruppe herrschen Frustration und Streitereien. "Man müsste ganz andere Musik machen," machen sich die Musiker Luft bei viel Nikotin und Alkohol.

Der Taxifahrer Harry betet Sunny an, ihr Musikerkollege Norbert stellt ihr aggressiv nach, sie verliebt sich in den Aushilfs-Saxofonisten und Diplom-Philosophen Ralph. Als Sunny aus der Band fliegt, weil sie sich den Machosprüchen nicht unterordnen will, und entdeckt, dass Ralph sie betrügt, betrinkt sie sich, nimmt Schlaftabletten und landet in der Klinik. Langsam kehrt Sunny zurück ins Leben und bewirbt sich bei einer anderen, jungen Band.

Der Kampf um Individualität

Wie blickt Wolfgang Kohlhaase 40 Jahre später auf den Film? "Mit Rührung. Ich würde auch heute sagen: alles richtig, alles so lassen." Tatsächlich erzählt der Film mit großer Authentizität vom Kampf um Individualität in einem Kollektiv und davon, wie einsam man sein kann "in einer Gesellschaft, die einen eigentlich nicht aus den Augen verliert".

Die Tragik nicht nur von Sunny bringt Kohlhaase auf den Punkt: "Habe eine besondere Idee von dir selbst, und schon hast du Ärger." Anders als etwa der Film "Berlin um die Ecke", für den er das Drehbuch schrieb, wurde "Solo Sunny" zwar kontrovers diskutiert, aber nicht verboten. Die "Sehnsucht der DDR-Kultur nach einer politischen Pädagogik" kritisiert Kohlhaase als "viel zu schmal für ein Kunstprinzip". Das "törichte Ergebnis war, Filme zu verbieten, die von der Wirklichkeit erzählen".

Drehbuchautor Wolfgang Kohlhaase blickt mit Rührung auf seinen Film "Solo Sunny"

Das Lebensgefühl eines gewissen Augenblicks erfassen: "Solo Sunny" mit Renate Krößner als Sängerin, die sich durchschlägt, und Alexander Lang als Ralph, der lieber im Hinterhof wohnt als in einem neuen Plattenbau.

Foto: Defa Stiftung/Dieter Lueck

"Die DDR hatte ein Defizit, über sich selbst zu reden", sagt Wolfgang Kohlhaase beim Publikumsgespräch nach der Vorführung. Und dass die Mauer "ein Neurosenerzeuger" war. Hauptdarstellerin Renate Krößner und Alexander Lang, der den Ralph spielt, verließen Mitte der 80er Jahre die DDR.

Zur Person: 1931 in Berlin geboren, volontierte Wolfgang Kohlhaase nach der Mittelschule bei der Jugendzeitschrift "Start". Seit 1952 ist er freischaffender Drehbuchautor. Nach der Wende schrieb er mit Volker Schlöndorff das Drehbuch zu "Die Stille nach dem Schuss", arbeitete mehrfach mit Andreas Dresen ("Sommer vorm Balkon"). 2017 schrieb er das Drehbuch für die Romanverfilmung von Eugen Ruges "In Zeiten des abnehmenden Lichts". Neben nationalen und internationalen Auszeichnungen erhielt Kohlhaase 2010 den Goldenen Ehrenbären der Berlinale für sein Lebenswerk.

 

Claudia Ihlefeld

Claudia Ihlefeld

Autorin

Seit ihrem Volontariat bei der Heilbronner Stimme 1991 schreibt Claudia Ihlefeld überwiegend über regionale Kultur und Kulturpolitik, aber auch über nationale und internationale Kulturereignisse.

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