"Klassiker sind strapazierfähig"

Zürich/Heilbronn  Leonie Böhm und der weibliche Blick: Die Regisseurin ist in Heilbronn aufgewachsen und nun zum Berliner Theatertreffen eingeladen mit einer "Medea*", die sie am Schauspielhaus Zürich inszeniert hat. Im Interview erzählt Böhm, warum wir die Komfortzone sozialer Medien verlassen müssen.

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"Theater ist für mich eine Petrischale, auf die ich schaue, um Zwischenmenschliches zu erkunden": Leonie Böhm inszeniert an den großen Bühnen.

Foto: Schauspielhaus Zürich

Sie gilt als Meisterin der Reduktion und entstaubt am liebsten Klassiker. Mit ihrer jüngsten Regiearbeit "Medea*" am Schauspielhaus Zürich ist Leonie Böhm jetzt zum Berliner Theatertreffen eingeladen - als eine von zehn bemerkenswerten Inszenierungen dieser Spielzeit im deutschsprachigen Raum. Eine Einladung, die in Theaterkreisen als höchste Anerkennung begehrt ist. Was ihr die Arbeit am Theater bedeutet, darüber haben wir uns mit der 38-Jährigen unterhalten, die in Heilbronn aufgewachsen ist.

Frau Böhm, Glückwunsch zur Einladung nach Berlin. In einer der euphorischen Kritiken zur Ihrer "Medea*" mit Gendersternchen heißt es, diese Bearbeitung des antiken Stoffes verdiene eine Fünf-Sterne-Bewertung. Was reizt Sie an den Klassikern?

Leonie Böhm: Ich projiziere zeitgenössische Fragen und Perspektiven auf ein Stück. Klassiker sind dafür strapazierfähig. Die Autoren sind tot, man kann mit ihnen machen, was man will. Sie sind zigtausendfach aufgeführt und zeigen, dass die Bedeutung, die ein Theaterabend hat, nicht im Text selbst nur liegt, sondern in der Umsetzung. Auf unseren Blick kommt es an.

Ihre Klassikadaptionen tragen Titel wie "Nathan die Weise" oder "Die Räuberinnen". Wie spezifisch weiblich ist Ihr Blick auf den Stoff?

Böhm: Da ich eine Frau bin, ist mein Blick weiblich. Es gibt nicht so viele weibliche Vorbilder, Kunst zu machen oder Regie zu führen. Alle Autoren, die ich bisher bearbeitet habe, sind Männer. Dabei mag ich nur mutmaßen, was weibliches und männliches Denken unterscheidet. Ich bin da am Forschen, auch mit meinen Spielerinnen und Spielern, was es bedeutet, Frau zu sein.

Das Theatertreffen lädt seit 2020 mindestens zur Hälfte Regisseurinnen ein. Sind Sie eine Quotenfrau?

Böhm: Nein, oder sagen wir jein. Es ist wichtig, dass Frauen auftauchen. Und genannt werden. Ich bin nicht gegen Quotenfrauen, sondern finde es wichtig, ein Bewusstsein zu schaffen dafür, dass in vielen Diskursen keine Frauen vorkommen. Das muss geändert werden, durchaus mit Vehemenz. Um auf den weiblichen Blick zurückzukommen. Ich versuche, ein offenes, im besten Fall friedenstiftendes Theater zu machen, das nicht über den Konflikt läuft, sondern über die Auflösung: Indem man sich öffnet, sich verletzlich zeigt, aber auch Mut beweist. Das mögen weiblich konnotierte Eigenschaften sein. Insofern ist die künstlerische Form, die ich suche, eine weibliche.

Ob Frau, ob Mann. Wie bedeutend ist eine Einladung zum Theatertreffen?

Böhm: Im Kontext Berliner Theatertreffen erfährt eine Arbeit noch einmal eine andere Aufmerksamkeit und Wertschätzung. Darüber freue ich mich riesig mit meinem Team.

Ihre "Medea*" ist als ein Personen-Stück konzipiert. Wie begegnen Sie dieser radikalen Figur, einer Kindsmörderin - zumal Sie selbst Mutter von zwei Kindern sind?

Böhme: Theater generell ist für mich wie eine Petrischale, auf die ich schaue, um zwischenmenschliches Verhalten zu erkunden. Ein sehr ethisches Medium also. Jetzt bei Medea - ich bin übrigens absolut pazifistisch und gegen Gewalt -, da habe ich mich schon gefragt, wie kann ich diesen Stoff erzählen.

Und wie erzählen Sie ihn?

Böhm: Mich interessiert an Medea, wie sie sich emanzipiert von einem System, das sie verstößt. Sich vom Vertrauten zu lösen, das ist maximal beängstigend und herausfordernd für einen Menschen. Wir haben den Kindsmord, diese radikale Geste der Zerstörung, übersetzt in eine philosophische Geste. Hier geht es nicht darum, die Frau des Ex-Partners umzubringen und die eigenen Kinder. Medea versucht auf einer radikal unabhängigen und emotionalen Ebene, Muster zu überwinden. Sie ist bereit, aufzugeben, was ihr am Intimsten und am Nächsten ist.

Sie haben drei abgeschlossene Studien. Was hat Sie schließlich ans Theater geführt? Und wer behält die Oberhand: die Regisseurin, die Performerin, die bildende Künstlerin?

Böhm: Alles in einem. Bei meiner experimentellen Arbeit kommen verschiedene künstlerische Prozesse zusammen. Der Beruf, der das umfasst, ist im Moment der der Theaterregisseurin. Ich performe zum Beispiel immer für meine Spielerinnen, sogenannte Entpeinlichungs-Performances. Theater hat immer auch etwas mit Entblößung und Angstüberwindung zu tun.

Die Ausstattung, also Bühne und Kostüme, würden Sie auch übernehmen?

Böhm: Das kann ich mir gut vorstellen. Ich habe früher als Bildende Künstlerin gearbeitet und mehrere Ausstellungen gehabt. Im Moment geht es aber eher darum, nicht zu viel auf einmal zu machen. Ich verlasse mich auf meine Ausstatter, ich habe ein tolles Team.

Auch in Zürich sind die Theater derzeit pandemiebedingt geschlossen.

Böhm: Ich produziere zwar Streamingformate, freue mich aber, wenn das vorbei ist. Das Aufregende am Theater ist das Live-Moment. Gerade für unseren Zeitgeist ist es wichtig, wieder zu lernen, in Kontakt zu kommen: für sich offen zu sprechen, statt vor dem Bildschirm zu sitzen. Das verstärkt nur Entfremdung. Wir müssen die Komfortzone sozialer Medien, die nichts wagt, verlassen.

Leonie Böhm, Jahrgang 1982, ist in Heilbronn aufgewachsen und dort auf die Waldorfschule gegangen. Sie studiert Kunst und Germanistik auf Gymnasiallehramt, danach Bildende Kunst an der Kunsthochschule Kassel, schließlich in Hamburg Schauspielregie an der Hochschule für Musik und Theater. Böhm inszeniert am Schauspielhaus Zürich, an den Münchner Kammerspielen, am Thalia Theater, am Theater Bremen und am Theater Oberhausen. Die zweifache Mutter lebt in Zürich.


Claudia Ihlefeld

Claudia Ihlefeld

Autorin

Seit ihrem Volontariat bei der Heilbronner Stimme 1991 schreibt Claudia Ihlefeld überwiegend über regionale Kultur und Kulturpolitik, aber auch über nationale und internationale Kulturereignisse.

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