Joachim Zelter liest aus seinem neuen Roman "Die Verabschiebung"

Heilbronn  Einem Asylbewerber aus Pakistan droht die Rückführung: Mit "Die Verabschiebung" hat Joachim Zelter einen Roman geschrieben, der wütend macht und aktuell ist. Bei seiner Lesung im Deutschhof sprach der Autor auch über die persönlichen Gründe hinter der Geschichte.

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"Ich musste irgendwie darauf reagieren", sagt Autor Joachim Zelter über die Abschiebung seines Schwagers 2020. In kurzer Zeit hat er die fiktive Geschichte über Faizan aus Pakistan geschrieben, der in Deutschland einen Asylantrag stellt.

Foto: Andreas Veigel

Bringt ein Autor zu einer Lesung noch ein anderes Buch mit als das angekündigte, misstraut er dann seinem eigenen Text oder dem Publikum? "Wenn es Ihnen zu schwer oder zu langweilig wird, habe ich noch einen Reserve-Roman da, um sie vielleicht aufzuheitern", sagt Joachim Zelter zur Begrüßung bei seiner Lesung am Donnerstagabend im Heilbronner Deutschhof.

Schwer ist das Thema von "Die Verabschiebung", dem neuen Roman des Schriftstellers, Dramatikers und Hörspielautors durchaus, behandelt er doch die End- und Aussichtslosigkeit eines Asylverfahrens in Deutschland. Langweilig wird es jedoch keinesfalls zum Abschluss der Veranstaltungsreihe "Über Gott (und die Welt) sprechen", einer Kooperation der katholischen und evangelischen Erwachsenenbildung sowie des Literaturhauses Heilbronn. Denn die Geschichte, die Joachim Zelter erzählt, wühlt auf, macht wütend, wirkt nach. Obendrein ist sie angesichts des politischen Streits in diesen Tagen um Rückführungen nach Afghanistan hochaktuell.

Wie eine drohende Abschiebung ein Liebespaar ängstigt

Aus Pakistan geflüchtet, schlägt sich Faizan in Deutschland als Kellner in einer Dönerbude durch. In einer Sammelunterkunft teilt sich der junge Mann sein Zimmer mit anderen Personen. Eines Abends lernt er vor einer Diskothek Julia kennen. Die zehn Jahre ältere Bibliothekarin findet ihn hinreißend, liebenswert, entwaffnend, ist begeistert von seinen strahlenden Augen. Die beiden verlieben sich ineinander, werden ein Paar. Der Haken an der Sache: Faizan ist in Deutschland nur vorübergehend geduldet, die Chancen, dass sein Asylantrag positiv beschieden wird, stehen nicht gut. Denn Pakistan ist kein Bürgerkriegsland wie Syrien. Die Panik vor der Anhörung nimmt darum immer mehr Raum in der Beziehung ein.

Seit einigen Jahren hatte Joachim Zelter die Idee, über "das Grauen" einer Abschiebung zu schreiben, erzählt er im Gespräch mit dem Leiter der katholischen Erwachsenenbildung Nobert Hackmann. Nachdem die Polizei nachts im Januar 2020 seinen Schwager abgeholt und diesem nur fünf Minuten Zeit gelassen hatten, um seine Sachen zu packen, ehe er zum Flughafen gebracht und mit anderen Asylbewerbern ausgeflogen worden war, setzte sich der Autor hin und brachte recht zügig die fiktive Geschichte von Faizan zu Papier.

Wenn eine Existenz infrage gestellt wird

"Man macht den Autoren ja immer wieder den Vorwurf, sie würden über belanglose Themen schreiben", erklärt der 58-Jährige. Damals sei es für ihn absolut notwendig gewesen, irgendwie auf diesen "massiven Eingriff" des Staates in das Leben seines Schwagers und seiner Schwester zu reagieren.

In "Die Verabschiebung" (Alfred Kröner Verlag, 160 Seiten, 18 Euro) verhandelt Joachim Zelter anhand von Faizan nun zwar ein Einzelschicksal. Durch die Figur Julias angesiedelt in einer deutschen Durchschnittsfamilie, zielt seine Geschichte zugleich aber ins Allgemeine, auch weil sie im Grunde eine Existenz zeigt, die infrage gestellt wird. "Sobald Menschen als deplatziert behandelt werden, bekommen sie Panik, das ist nicht nur ein spezifisches Charakteristikum eines Asylbewerbers", sagt der gebürtige Freiburger, der bekennt, stark von der pessimistischen Grundhaltung Kafkas beeinflusst zu sein. Wie er auf den semantisch vieldeutigen Romantitel gekommen ist? Dieser stammt von seinem Verleger Hubert Klöpfer. "Es ist nicht mein optimaler Titel", so der Autor, der die Geschichte am liebsten einfach nur "Kalt" genannt hätte.

Mit einer heiteren Passage aus dem Frühwerk "Briefe aus Amerika", zu dem Joachim Zelter dann doch noch greift, und beschwingten Stücken des Christoph Müller Jazz Ensembles endet ein eindrücklicher Abend.

Zur Person

Joachim Zelter, 1962 in Freiburg geboren, unterrichtete nach seinem Studium deutsche und englische Literatur an der Yale University sowie an der Universität Tübingen. Mit Mitte 30 machte er das Schreiben zum Hauptberuf. Seither hat Zelter zahlreiche Romane, Erzählungen, Theaterstücke und Hörspiele veröffentlicht. Für sein Werk erhielt er unter anderem den Thaddäus-Troll-Preis, mit "Der Ministerpräsident" stand er 2010 außerdem auf der Longlist des Deutschen Buchpreises.


Christoph Feil

Christoph Feil

Autor

Seit 2015 ist Christoph Feil bei der Heilbronner Stimme. Er arbeitet im Ressort Leben und Freizeit. Darüber hinaus schreibt er für das Thementeam Wissen, hat den aktuellen Buchmarkt im Blick und stellt für das "Interview der Woche" Menschen gerne Fragen.

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