Im Verbund mit der Natur: Kunst bei Würth im Freien

Künzelsau  Coronatauglich unter freiem Himmel: Der Skulpturenpark Würth zwischen Carmen-Würth-Forum und Firmenzentrale in Gaisbach gerät mit 55 überwiegend monumentalen Werken zu einem erfrischenden Spaziergang durch das Who is Who internationaler Bildhauerkunst.

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Eine der überwiegend monumentalen Skulpturen, die die Verbindung von Hohenloher Landschaft, Architektur und Kunst markieren: Helga Vockenhuber, "Die Neue Eva", 2012, Bronze 300 x 200 x 140 Zentimeter.

Fotos: Julia Schambeck/Ulrich Schmitt

Auch wenn der Frühling eine Pause macht, bietet das Gelände des Carmen-Würth-Forums mit einer Fläche von 170.000 Quadratmetern ausreichend Platz für einen Spaziergang durch den Skulpturengarten.

Der wurde mit der Fertigstellung des Kongress- und Kulturzentrums mit Museum Würth 2 im Juni 2020 angelegt und ist mit 55 überwiegend monumentalen Skulpturen internationaler Bildhauer und Bildhauerinnen mehr Park als Garten - und ein coronataugliches Kunst- und Naturerlebnis: Das Freiluftmuseum birgt in Zeiten geschlossener Museen einen unverhofften Vorteil.

Moderne und zeitgenössische Skulpturen entlang der Wege des Firmengeländes werden zur Begegnung mit dem Who is Who der Bildhauerkunst von Georg Baselitz über Eduardo Chillida, Niki de Saint Phalle, Anish Kapoor, Tony Cragg hin zu Antony Gormley, Magdalena Abakanowicz, Lun Tuchnowski und vielen mehr. Mit der App Würth Collection, die man kostenlos herunterladen kann, wird das Spazieren zum informativen Vergnügen.

Im Verbund mit der Natur: Kunst bei Würth im Freien

Kauern im Hier und Jetzt: Jaume Plensa, "WE", 2009, Stahl, weiß lackiert, 500 x 340 x 360 Zentimeter.

Je nach Tages- und Jahreszeit

Plastische Werke und regionale Landschaft, Wahrnehmung der Kunst und Naturerfahrung der Hohenloher Landschaft fusionieren zum Gesamtkunstwerk. Seit der Antike gilt, inwiefern nicht Architektur an sich Skulptur ist. Harmonisch fügt sich der von Alexander Schwarz aus dem Büro David Chipperfield entworfene Erweiterungsbau des Carmen-Würth-Forums in das leicht ansteigende Gelände ein: ein verglaster Flachbau mit strukturierter Pfeilerhalle. Klassisch und ruhig. Die Arbeiten im umgebenden Skulpturengarten aus Bronze, Naturstein, Polyester, Edelstahl und Marmor muten je nach Tages- und Jahreszeit, je nach Licht und Temperatur, immer wieder anders an im Verbund mit der Natur.

Auf dem Vorplatz gehen mit Baselitz, Kapoor und Chillida drei Meister ihres Fachs einen spannungsvollen Dialog ein. "BDM Gruppe" nennt Baselitz seine über 3,60 Meter hohe Bronze. Der Maler und Bildhauer, der Dinge aus ihren Konventionen löst, mit kunst- und zeithistorischen Zitaten versieht sowie mit biografischen Anspielungen, paraphrasiert hier das klassische Thema der Drei Grazien. Statt Anmut und Liebreiz tragen die monströs gesichtslosen, stählernen, schwarzen Wesen überdimensionierte Köpfe. Inspiriert zu dieser Mädchengruppe war Georg Baselitz von seiner Schwester und deren Mitgliedschaft im Bund deutscher Mädel.

Im Verbund mit der Natur: Kunst bei Würth im Freien

Alfred Hrdlicka, "King Lear − Der geteilte Mensch", 1994, Betonguss, zweiteilig, 930 x 400 x 110 Zentimeter.

Archaisch, klar, rau und doch harmonisch

"Ghost" aus schwarzem Granit von Anish Kapoor steht ruhig und erhaben für Kontemplation und innere Kraft. Daneben wächst Eduardo Chillidas "Basoa III" (Wald III) scheinbar tief verwurzelt in die Höhe: Archaisch, klar, rau und doch harmonisch verbindet der baskische Bildhauer Utopie und Poesie.

Weiter unten im Park steigt Magdalena Jetelovás Treppe ("Stairs") in die Leere des Himmels. Zweiteilig gespalten liegt Alfred Hrdlickas "King Lear - Der geteilte Mensch" als Betonguss im Gras, der tragische Held aus Shakespeares Drama.

Wie sehr Skulptur Raum benötigt, markiert augenscheinlich Tony Craggs dreiteilige, sieben Meter hohe Bronze "Points of View" (Blickwinkel). Seit den 90er Jahren entwickelt der Brite Figuren aus einer Achse heraus vergleichbar mit einer Wirbelsäule, die wie hier an wirbelnde Derwische erinnert.

Erstarrte Welle aus Stahl

Im Verbund mit der Natur: Kunst bei Würth im Freien

Wie tanzende Derwische: Tony Cragg, "Points of View", 2013, Bronze, dreiteilig, je 700 x 200 x 200 Zentimeter.

Multimediakünstler Marc Quinn verhandelt in der acht Meter monumentalen Stahlskulptur "Gefrorene Welle" Phänomene der Strömungsdynamik, indem er seine erstarrte Welle einer erodierten Muschelschale nachgebildet hat. Der Katalane Jaume Plensa steht in der Traditionslinie von Antoni Tàpies und Joan Miró: Seine so poetische wie spirituelle Stahlskulptur "WE" zeugt von Plensas Interesse für Sprache und Schrift als Ausdruck von Kultur.

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Architektur und Skulptur in einem: Anthony Caro, "Cathedral", 1988, Edelstahl, bemalt, 467 x 503 x 295 Zentimeter.

Anthony Caro hat als einer der ersten in den 60er Jahren die Skulptur vom Sockel gestoßen: "Wo hört die Skulptur auf, wo fängt der Raum an?", lautete Caros Leitmotiv, exemplarisch zu erleben mit seiner "Cathedral" aus Edelstahl, ein Amalgam aus architektonischer und abstrakter Bildhauerei. Wie sehr sich sein weiteres Diktum bewahrheitet - "Ist nicht der ganze Raum ein anderer, wenn eine Skulptur in ihr steht" - zeigt die Kunst bei Würth im Freien.

Internationale bildhauerische Arbeiten der letzten vier Jahrzehnte sind ein Special der Sammlung Würth. 55 Skulpturen verwandeln einen großen Teil des zugänglichen Würth-Firmencampus in einen Skulpturenparcours. Der 550 Meter lange Weg zwischen Carmen-Würth-Forum und Konzernzentrale in Gaisbach bildet die Achse. Die kostenlose App Würth Collection führt individuell durch den Skulpturenpark.

 

Claudia Ihlefeld

Claudia Ihlefeld

Autorin

Seit ihrem Volontariat bei der Heilbronner Stimme 1991 schreibt Claudia Ihlefeld überwiegend über regionale Kultur und Kulturpolitik, aber auch über nationale und internationale Kulturereignisse.

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