HSO-Saisonauftakt: Ein Beethovenabend wie aus einem Guss

Heilbronn  Ballettmusik-Ouvertüre, Romanze für Violine und Orchester und dritte Sinfonie: Im ersten Konzert seiner neuen Saison widmete sich das Heilbronner Sinfonieorchester Ludwig van Beethoven - und erntete für das Programm minutenlangen Applaus.

Von Leonore Welzin
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Das Heilbronner Sinfonieorchester startete nach langer Corona-Pause mit einem Beethoven-Abend unter der Leitung von Alois Seidlmeier in die neue Spielzeit.

Foto: Kurth

Minutenlanger Applaus in der Harmonie für Ludwig van Beethoven, für Alois Seidlmeier, für Gustavo Surgik und das gesamte Heilbronner Sinfonie Orchester (HSO), die das Programm am Nachmittag und ein zweites Mal am Abend zu Gehör brachten.

Ein Beethovenabend wie aus einem Guss. Er beginnt mit der Ouvertüre zur Ballettmusik op. 43 "Die Geschöpfe des Prometheus". Gefolgt von einer zarten Romanze für Violine und Orchester Nr. 2 F-Dur op. 50 - fragil, transparent und solistisch wunderhübsch dargeboten vom Konzertmeister Gustavo Surgik -, um mit der Sinfonie Nr. 3 Es-Dur op. 55, genannt "Eroica", einen Gipfel Beethovenscher Kompositionskunst zu erklimmen. Welch ein Panorama im Klang-Universum des Genies.

Warum Beethoven seine dritte Sinfonie dann doch nicht Napoleon widmete

Begeistert vom Code civil, mit dem 1804 Bürgerrechte gesetzlich eingeführt wurden, hatte Beethoven die dritte Sinfonie Napoleon Bonaparte widmen wollen. Als dieser sich selbst zum Kaiser gekrönt hatte, war Beethoven darüber derart erbost, dass er ausgerufen haben soll: "Nun wird auch er alle Menschenrechte mit Füßen treten, nur seinem Ehrgeize frönen; er wird ein Tyrann werden". Danach soll er das Widmungsblatt zerrissen haben.

Beethoven war es mit den Werten der Französischen Revolution ernst. Freiheit, Gleichheit und Empathie reflektiert unter anderem der freie Umgang mit Kompositionsformen. Schon die Länge dieser Sinfonie, deren erster Satz bereits die Dauer einer ganzen Sinfonie früherer Kompositionen - beispielsweise bei Haydn oder Mozart - umfasst, übersteigt das gewohnte Maß.

"Es klingt infam falsch!": Kritiker störten sich am vermeintlichen Chaos des Werks

So riet beispielsweise 1807 ein Leipziger Kritiker "die großzügige und mutige Phantasie könne dadurch gewinnen, wenn der Komponist sie kürzen, etwas mehr Licht, Klarheit und Einheitlichkeit hineinbrächte". Man hielt sie für "sittenverderbend" und meinte, der Einsatz des Blechbläsers sei falsch: "Der verdammte Hornist! Kann der nicht zählen? Es klingt infam falsch!". Was damals als Chaos und Fehler empfunden wurde, schätzen wir heute als ganz großes Kino. Der formale Umgang mit Themen und Rhythmen, die Art und Weise, einzelne Instrumente ins akustische Rampenlicht zu rücken, der überwältigende Klangreichtum so außergewöhnlich vielschichtig und mitreißend, dass der Titel "Eroica", die "Heldenhafte", ins Schwarze trifft.

Fantastisch die tänzerische Eleganz, die Unmittelbarkeit musikalischer Impulse, das rhythmisch-dynamische Auf und Ab - Seidlmeier überträgt das nicht allein mit den Armen, sondern verkörpert, präzise wie ein Schweizer Uhrwerk, die ganze Musik. Er ist, wie Beethoven es sich von Menschen exponierter Stellung wünschte, ein Erster unter Gleichen, der Primus inter Pares - und das mit Leib und Seele.

Am Ende des Konzerts schließt sich ein Kreis

Aufgerüttelt vom Paukendonner, angetrieben von der kompositorischen Wucht und beflügelt von der reinen Energie des Dirigenten, schwingt sich der Klangkörper mit selten erlebter Leichtigkeit in ungekannte Höhen. Im Allegro con brio fangen Oboe, Klarinette, Flöte und Geige spielerisch die Themen auf und entfachen ein schieres Freudenfeuer. Der berühmte Trauermarsch, mit dunklem Gesang der Violinen über grollenden Bässen, vermittelt eher ein kühles Gefühl von Vergänglichkeit und steht in hartem Kontrast zum lebhaften ersten Satz. Frisch der Wind aus Staccatobewegung und zerlegtem Es-Dur Dreiklang, entspinnt sich im dritten Satz ein Zwiegespräch zwischen Holzbläsern und Streichern.

Das Orchester begnügt sich mit kurzen Einwürfen, sobald die Hörner, Stellvertreter der Natur, ins Feld geführt werden. In gewaltigem Tempo aus Dreiklang, Dreiklangzerlegung und Tonleitern beschließt die heldische Tonart Es-Dur glanzvoll das Werk. Das Finalthema hatte Beethoven auch im Ballett "Die Geschöpfe des Prometheus" verwendet, womit sich der Kreis des Konzertabends schließt.

Der Konzertmeister

Der Konzertmeister des HSO, Gustavo Surgik, wurde 1970 in Brasilien geboren. Bereits 1985 war er erster Solopart einer Schallplattenaufnahme brasilianischer Komponisten. Es folgten internationale Auszeichnungen wie beim Viotti Wettbewerb, der Sonderpreis beim Joseph Gingold Wettbewerb und der Prix Special beim Zino Francescati Wettbewerb. Nach dem Studium an der Moskauer Gnessin-Musikakademie folgten Engagements als Konzertmeister sowie Dozenturen in Baden-Württemberg und China.


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